624: Zivile Seenotrettung (mit Dorothee Krämer von Sea-Watch)
27m 10s
Die zivile Seenotrettung im Mittelmeer ist eine direkte Antwort auf die fehlende staatliche Hilfe, die es seit 2015 in vielen europäischen Staaten gibt. Während staatliche Akteure sich zurückgezogen haben, um Migrantenflüsse zu reduzieren, haben privates Engagement und zivile Organisationen wie „Sea Watch“ aktiv Menschen gerettet. Die Gründe für die Flucht aus Ländern wie Afghanistan, Irak oder Somalia sind vielfältig: Krieg, Armut und Perspektivlosigkeit treiben Menschen in eine lebensgefährliche Reise nach Europa. Doch die Situation in Libyen verschärft das Risiko: militärische Konflikte, Zwangsinterventionen und Zwangsinternierungslager führen zu einer Spirale der Gewalt und Verzweiflung. Studien zeigen, dass zivile Rettungsschiffe nicht die Fluchtanzahl erhöhen, sondern ihre Zahl verringern. Dennoch bleibt die staatliche Inaktivität, beispielsweise durch die Nichtaktion bei Seenotfällen, ein gravierendes Problem. Auch rechtliche Aktionen wie Klagen gegen italienische Behörden sind schwierig und langwierig, was die Effektivität der zivilen Initiative einschränkt. Die zivile Gesellschaft bleibt jedoch lebendig, durch Spenden und Aufmerksamkeit. Es ist entscheidend, dass Menschen nicht nur die Flucht sehen, sondern auch die Bedingungen in den Ausgangsländern verstehen. Der Diskurs über Migration muss nicht nur politisch, sondern vor allem human sein – denn sechs Menschen sterben täglich im Mittelmeer, was keine akzeptable Realität sein darf. Die Aufmerksamkeit in Deutschland bleibt oft zurückhaltend, obwohl die zivile Bewegung aktiv ist. Die Hoffnung liegt in einem gesellschaftlichen Wandel: der Anerkennung, dass die Menschenrechte, insbesondere die Seerechte und das Recht auf Leben, unbedingte Grundlage für jede Politik sein müssen.
Hallo Manuel! Hallo Karri! Willkommen zurück im Easy German Podcast! Danke! Danke! Achso, ich dachte, dass
mir das Willkommen. Danke, dass du da bist. Manuel und ich freue mich! Wir haben heute wieder ein
besonderes Thema. Wir haben ja letzte Woche schon über das Thema Spenden gesprochen und haben
dabei darüber gesprochen, welchen Organisationen und Menschen wir Geld spenden. Heute wollen wir noch
einen Schritt weitergehen und wollen euch mal die Arbeit einer gemeinnützigen Organisation in Deutschland
vorstellen, die sich für ein Thema einsetzt, dass uns beiden am Herzen liegt. Genau, diese Organisation
heißt "Cee Watch" und die machen zivile Seenotrettung. Es ist ja so, dass jedes Jahr mehrere
tausend Menschen im Mittelmeer sterben, er trinken, bei dem Versuch nach Europa zu fliegen und das
beschäftigt uns und das beschäftigt auch in Deutschland viele Menschen. Und wir haben heute Dorothek
Kremer zu Gast, sie arbeitet bei "Cee Watch" in Deutschland.
Thema der Woche. Ja, wir sprechen heute über zivile Seenotrettung. Schwieriges Wort und erst mal
herzlich willkommen bei uns im Podcast Doro. Hallo, vielen Dank für die Einladung. Doro, was ist denn
zivile Seenotrettung? Wie kannst du das beschreiben? Ja, zivile Seenotrettung ist quasi die Antwort
von Menschen aus Europa, aus verschiedenen Ländern in Europa, auf die Tatsache, dass im zentralen
Mittelmeer in dem Bereich zwischen Blübien und Tunesien und Italien und Malta täglich Menschen sterben,
er trinken gelassen werden von Staaten, weil die europäischen Staaten quasi einfach beschlossen haben,
nichts zu tun, also keine Seenotrettung in diesem Bereich zu betreiben. Und die Zivile Seenotrettung,
das sind eben verschiedene Organisationen, die also Menschen, die sich zusammengefunden haben,
um eine Antwort darauf zu geben, weil sie sagen, das kann nicht sein, dass einfach täglich Menschen
entdrinken in diesem Bereich. Das heißt, ursprünglich waren es wirklich einfach Einzelpersonen,
die ein Schiff gekauft haben, geschatet haben, eine Crew zusammengebracht haben und in diese Region
gefahren sind. Und mittlerweile gibt es, sind wir eben, ich glaube, um die 15 Organisationen 15
Organisationen gefahren aus ganz Europa. Also Zivile Seenotrettung, Seenot bedeutet, man ist auf See, man ist auf
einem Schiff und man gerät einen Not. Das heißt, man droht vor dem Ertrinken, das hast du gerade
schon gesagt und darum hast du gesagt, können man sich die europäischen Staaten oder generell
Staaten nicht oder zu wenig und deswegen die Zivile Seenotrettung, also die Zivilgesellschaft,
Menschen, die keine staatliche Funktion haben, haben sich zusammengetan, um in solchen Fällen zu helfen.
Genau. Im Kern hat, haben europäische Staaten bis zu einem gewissen Punkt, Seenotrettung auch in
diesen Bereich betrieben. Das ist ja so, die Seenotrettung ist ja quasi Zivilschutz, also dass es ja
wie eine Feuerwehrstaaten haben oder unterstützen quasi die Gesellschaft darin, dass es Feuer werden, dass es
verschiedene Zivilschutz-Einrichtungen gibt, die dafür sorgen, dass das Katastrophen verhindert
werden. Das heißt, eigentlich hat jedes Land so eine Schiffsflotte, die eigentlich dafür da ist,
wenn es Notruf gibt, rauszufahren und die Leute zu retten oder wie kann man sich das vorstellen?
Genau, eigentlich haben alle Staaten, Seenotrettungsorganisation, also verschiedene, es ist in unterschiedlichen
Staaten unterschiedlich organisiert, aber quasi alle Staaten haben Vorrichtungen dafür, dass, wenn
Menschen in Seenot geraten, die gerettet werden, dass es ja auch also zum einen Gesetz quasi, also
internationales See recht schreibt vor, dass Menschen, die in Seenot gerettet werden müssen.
Von denjenigen, die es sehen. Also ich stelle mir das so vor, so wie bei einem Verkehrsunfall, wenn ich mit dem
Auto vor Beifahre muss ich halten und helfen. Und wenn ich jetzt mit einem. - Ist das so in Deutschland? - So hab ichs gelernt beim
Führerschein, dass man, wenn man an einem Verkehrsunfall einfach vorbeifährt, ist das unterlassen Hilfeleistung. Man
hat es unterlassen, dem Menschen in Not zu helfen und auf See ist es genauso, wenn ich da vor Beifahre mit
meinem Containerschiff und sehe, da ist jemand, der ist in Not, muss sich helfen, aber es sind doch
internationale Gewässer, oder? Also die Staaten reichen ja nur, ich weiß gar nicht, wie viele Kilometer rein
ins Meer, wie funktioniert denn das dann? - Genau, also ganz grundsätzlich ist es genau, wie du gesagt hast, so, dass wenn
ein Schiff, wenn ein Kapitän von einem Seenotfall in der direkten Umgebung weiß, ist man verpflichtet Hilfe zu leisten.
Das ist unabhängig davon, unter welcher Flagge man fährt, welche Nationalität man selbst hat, welche
Nationalität die Personen in Seenot haben natürlich. Genau, also das ist quasi eine Pflicht, die jede
Person hat, die auf See unterwegs ist. Und gleichzeitig sind natürlich Staaten dazu verpflichtet, in einem
gewissen Bereich zum Beispiel Seenotrettung zu organisieren. Und dann, und das ist ganz, ganz wichtig, was
quasi das internationales Seerecht und aber auch Menschenrechte vorschreiben, ist das Personen, die aus
Seeenot gerettet werden, an einem sicheren Ort gebracht werden müssen. Das heißt, sie müssen an
einen Ort gebracht werden, an dem ihr Leben nicht in Gefahr ist und an dem, den sie gewisse Grundsicherheit haben können.
Und all das passiert mich, sagst du. Und all das passiert nicht, genau. Und das liegt ganz einfach darum,
dass die Menschen, die eben in diesem spezifischen Bereich im zentralen Mittelmeer in Seenot geraten,
Menschen sind, die versuchen, aus Libyen zu fliegen. Also, das heißt, die versuchen, aus diesen Umständen,
aus können wir vielleicht gleich nochmal übersprechen, was die Situation in Libyen ist, aber die versuchen,
da zu fliegen, Richtung Europa zu fliegen. Und in dem Moment, in dem europäische Staaten quasi gemerkt haben,
dass, wenn sie diese Menschen aus Seeenot retten, das dann bedeutet, sie müssen sie nach Italien oder
Maltern an einen sicheren Ort bringen. Sie dann quasi beschlossen haben, ja, dann lassen wir das mit dem
retten lieber gleich ganz. Und dadurch quasi eine extreme Versorg, also eine Lücke, es sich aufgetan hat im zentralen
Mittelmeer, genau in der eben immer mehr Menschen einfach sterben, weil europäische Staaten nicht handeln.
Weil sie wissen, also wir erleben das ständig in unsere Arbeit, dass wir wissen, wir wissen von dem
Boot in Seenot, zum Beispiel durch unsere Aufklärungsflugzeuge. Wir haben alle staatlichen Stellen informiert,
rufen regelmäßig an Schreibenmails und so weiter und so fort und informieren über diese Situation und es
passiert schlicht nichts. Hast du da Zahlen mitgebracht, also wie viele Menschen sterben jedes Jahr im
Mittelmeer auf der Flucht? Also im Zeitraumzeit 2015 sind über 28.000 Personen gestorben oder verspunden.
Da muss man natürlich ganz aufpassen, wie diese Zahlen tatsächlich zustande kommen. Also sehr wahrscheinlich ist die
dunkelziffer wesentlich, wesentlich höher. Aber konzätzlich sind das sechs Personen am Tag einst davon
Kind. Wow. Das ist richtig heftig. Ja, wo soll man da anfangen? Es gibt so viele Fragen, die ich habe. Also
vielleicht einmal ein bisschen zurück, du hast mir erzählt, vor 2015 war das eigentlich so, dass damals
Italien das auch selber gemacht hat. Was war da, also ohne dass wir jetzt zu sehr in die Politik gehen?
Aber wie hat das eigentlich angefangen, dass zivile Menschen, privat personen und dann auch zivile
Organisationen überhaupt die Notwendigkeit gesehen haben, dass sie im Mittelmeer helfen? Wir werden da
ich vielleicht noch darüber sprechen, was ihr konkreter macht. Wie hat das überhaupt angefangen? Warum haben sich
die staatlichen Akteure zurückgezogen? Denn früher war es ja anders. Genau, ich glaube, was ganz wichtig ist,
bei der Frage zu beachten, ist quasi die Verknüpfung von Migrationspolitik und Bevölkerungsschutz oder
Zivilschutz quasi eben eine Maßnahme dazu zu sorgen, dass keine Menschen erdrinken oder das Menschen,
die in Seenot geraten, gerettet werden und lange Zeit wurde eben Seenot quasi, wie gesagt, als
Teil des Zivilschutzes betrachtet. Und ab 2015 oder auch schon früher, aber eben immer mehr, immer stärker
wurde quasi Migrationspolitik damit reingedacht und wurde gesagt, dadurch, dass das Menschen sind,
die versuchen, nach Europa zu gelangen, möchte man das nicht. Und dann ist die Konkurrenz,
dann lässt man sich quasi lieber ertrinken.
Und ich glaube, diese Verschränkung muss man mitbedenken,
um zu verstehen, warum sich das verändert hat.
Genau. Und dann eben immer mehr Staaten darauf gesetzt haben,
sich aus diesem Bereich zurückzuziehen,
keine staatliche Seenotrettung mehr zu organisieren.
Ist dahinter dieser Gedanke,
ich kenne dieses Wort "Pull-Faktor",
dieses Argument, dass man sagt,
"Naja, wenn wir die Menschen auf der Hälfte des Weges sozusagen,
wenn sie jetzt in einem oft sind das Jahr Schlauchbote, ganz einfache Boote,
wenn man sie auf der Hälfte aufgreift, weil sie in Seenot sind
und sie dann rüberbringt bis nach Malta oder Italien,
dass das dann erst Menschen motiviert,
sich überhaupt auf den Weg zu machen."
Das ist, glaube ich, so, dass das Argument aus der Politik
warum es falsch ist, diese Seenotrettung zu betreiben.
Ist das so? Hab ich das richtig verstanden?
Und wenn ja, was sagst du zu diesem Argument?
Das Argument wird immer wieder gebracht aus der Politik.
Es gibt zahlreiche Studienwurden dazu gemacht,
die ganz klar sagen, dass das stimmt einfach nicht.
Also die Anwesenheit von zivilen Rettungsschiffen,
verhindert das Menschen oder verringert die Anzahl der Menschen,
die er trinken, aber nicht die Anzahl der Menschen, die versuchen zu fliehen.
Im Gegenteil muss man dafür natürlich die Situation. Also ja, natürlich nicht die Anzahl der Menschen, die fliehen, ja.
Sorry, ja.
Sondern dafür muss man quasi auf die Situation in Libyen schauen,
wo einfach quasi mit dem Versuch zu verhindern,
dass Menschen von dort aus abfahren,
riesige Internierungslager quasi betrieben werden,
in denen Menschen festgehalten werden.
Also, quasi, mit Krantinnen, sobald sie im Land sind, illegal sind,
und dann quasi in diese Lager eingesperrt werden,
in denen Folter herrscht, in denen Versklarungen herrscht,
in denen Zwangsprostitution herrscht.
Und dass dieses System quasi unterstützt wird von der EU
und von einzelnen Mitgliedstaaten mit dem Ziel zu verhindern,
dass Leute überhaupt erst abreißen.
Aber natürlich verschlimmert sich dadurch die Situation im Land so massiv,
dass die Not und die Versuch und die Verzweiflung
und der Wunsch quasi daraus zu kommen, umso größer wird.
Und dadurch wird quasi eine Kreislauf, eine Spirale der Gewalt
unterstützt und weiter befördert.
Überlegen wir mal, viele Menschen wissen vielleicht gar nicht,
was dafür Geschichten hinterstecken.
Viele, die hier zuhören, können sich aber vielleicht vorstellen,
was man den Wunsch hat, in ein anderes Land zu gehen.
Aber grundsätzlich viele, die hier zuhören,
haben den Wunsch in Deutschland zu arbeiten, zu studieren
oder machen das vielleicht auch schon.
Und man weiß ja vielleicht von der eigenen Geschichte,
wie einfach oder schwierig das ist.
Ich glaube Migration ist grundsätzlich schon immer schwierig.
Aber manche Menschen haben es dann viel einfacher als andere.
Manche Leute können einfach nach Deutschland kommen
und dann hier in den Wiesum beantragen.
Manche Menschen gehen schon Monate oder sogar Jahre durch einen Prozess durch.
Und an andere Menschen sind so verzweifelt,
dass sie eine lebensgefährliche Reise auf sich nehmen,
um irgendwie nach Europa zu kommen.
Was sind das für Geschichten, mit denen ihr da konfrontiert seid?
Also, wie kann man das erklären,
ohne jetzt die komplette politische Situation in Lübien
und in den Ausgangstaaten zu verstehen,
weil die Menschen, die dann von Lübion aus auf so ein Boot gehen,
sind ja meistens nicht Lübia.
Genau, ich glaube, ganz grundsätzlich muss man sagen,
das sind quasi in der Regel Menschen aus Ländern,
die keine anderen Reisemöglichkeiten haben.
Also, für dies keine Chance auf legale Fluchtmöglichkeiten gibt,
kann Afghanistan sein, Irak, Bangladesh, Somalia, Palestina.
Also, eine ganze Reihe, ganz unterschiedliche Länder.
Und die haben alle sehr gute Gründe, quasi ihre Länder zu verlassen,
sei es Krieg, sei es große Armut, Perspektivlosigkeit.
Und landen dann eben auf dem einen oder anderen Weg in Lübien.
Das kann, das sind zum Teil durch die Hoffnung auf Arbeitsmöglichkeiten in Lübien.
Das ist zum Teil schon mit dem Gedanken nach Europa zu kommen,
von dort aus, aber tatsächlich nicht ausschließlich.
Das kann zum Teil durch falsche Versprechen sein.
Und finden sich dann aber quasi in einem Netzwerk- und Kreislauf der Gewalt
wieder, der die Flucht übers Mittelmeer als eigensige Möglichkeit auftut,
um dieser Gewalt dort zu entkommen.
Weil in Lübien die Lage momentan so schlechte, also ich kenne mich nicht so gut aus,
aber das, also grob zusammengefasst wird, ich das in meinen Worten so zusammenfassen,
die EU versucht eigentlich dort so zusammenzuarbeiten,
sei ich mein Anführungszeichen, dass die lübische Regierung oder Milizen
wäre Gitterheit nicht, die Leute zurückhält.
Also, und das führt aber nicht dazu, dass da irgendwie jetzt besonders tolle Möglichkeiten
schaffen werden, sondern eigentlich eher als sich militärische Umstände, oder?
Da sind hier richtig, werden Menschen in Lagern gehalten, wie kann man sich das vorstellen?
Genau, es sind eben als Lübien, es ist seit vielen Jahren im Land, im Bürgerkrieg,
mit zwei verschiedenen rivalisierenden Regierungen, die wiederum aus verschiedenen Milizen
bestehen, die wiederum in den Konflikt um regionale Macht und um Einkommen und Ressourcen sind.
Gleichzeitig gibt es keinerlei Schutzsysteme für Migrantinnen und gleichzeitig
schafft die EU quasi finanzielle Anreize und die Möglichkeit mit dem Verhindern
von Migration Geld zu schaffen, d.h. die EU fördert einzelne Milizen, einzelne Strukturen,
einzelne Institutionen, mit dem Auftrag quasi zu verhindern, dass Menschen von Lübien aus fliehen
können und schafft dadurch quasi eine Ökonomie der Gewalt, in der quasi, die das
internieren, das Einsperren in Lagern eine Möglichkeit bietet, für Milizen Geld zu machen,
mit Migrantinnen, mit Menschen, die nicht dort sein wollen.
Das ist schon mal eine ziemlich krasse Zusammenfassung, weil ich glaube, dass viele Leute sich,
dass in der EU und in Deutschland nicht so bewusst sind, dass wir eigentlich mit unseren politischen
Qualen auch dazu beitragen, dass dort solche Zustände herrschen. Was würdest du dann sagen,
wie ist denn im Moment die Aufmerksamkeit in Deutschland? Also, wenn man sich so die Nachrichten
anguckt, könnte man ja das Gefühl haben, dass jetzt im Moment nicht so viel passiert im Mittelmeer,
wie ist da so im Moment die politische oder auch die zivilgesellschaftliche Aufmerksamkeit
in Deutschland? Also ich glaube, wenn es um zivilgesellschaftliche Aufmerksamkeit geht,
dann merken wir als Zivot schon, ich glaube, auch andere Organisationen nach wie vor,
einen sehr, sehr großen Rückhalt aus der zivilgesellschaft, wir sind spendenfinanziert und das funktioniert.
Gleichzeitig von politischer Seite sehen wir natürlich quasi den globalen Rechtsrück
auch in Deutschland ganz, ganz stark voranschreiten und einfach eine Normalisierung von Grenzgewalt,
eine Normalisierung von der Tatsache, dass jeden Tag Menschen an europäischen Grenzen sterben
und irgendwie scheint sich die Gesellschaft daran zu gewöhnen,
dass Grenzen, die ja letztlich eine Erfindung von Menschen sind, die ja nichts natürliches in dem Sinne sind,
dass die zu Toten führen und dass das normal ist,
da findet eben immer mehr Normalisierung statt und immer weniger Entsetzen darüber,
dass das jeden Tag so weiter passiert.
Jetzt heißt eure Organisation Sea Watch, also ihr beobachtet, was da passiert, auf See im Mittelmeer.
Wie, was bedeutet das konkret? Wie läuft so ein Einsatz von euch ab oder was macht ihr täglich?
Ja, wir haben zwei Schiffe. Wir haben ein großes Schiff, die sie wird schwünft und ein kleines Schiff, die Aurora,
die quasi mehr oder weniger rund ums Jahr im Einsatz sind.
Das heißt, wir haben Cruise, die sich zu Beginn der Einsatzzeit quasi intensiv vorbereiten, verschiedene Trainings durchlaufen.
Und sind dann eben im Einsatzgebiet, in dem Gebiet, in dem die meisten Menschen versuchen, quasi diese Überfahrt zu machen
und die meisten Schiffsbrüche passieren und sind dann eben vor Ort und wenn wir von einem Seenotfall erfahren,
sei es durch Fernklässer tatsächlich, mit denen wir an ein Bord stehen oder durch sie wieder Aufklärungsflugzeuge,
die quasi über diesen Bereich fliegen und schauen und dann eben sowohl die Autoritäten als auch die
die Schiffe in der Umgebung, wie es eben im See recht vorgegeben ist, informieren.
Und dann quasi erfahren, erfährt unser Schiff, erfährt die Crew von einem Seenotfall in der Umgebung
und fährt da hin und leistet Hilfe. Genau. Und bringt die Menschen dann an Land, an einen
sicheren Ort. Das heißt, ihr habt auch Flugzeuge im Einsatz? Ja, wir haben Flugzeuge. Es ist
spannend. Also, ich finde diese Vorstellung, das Mittelmeer ist ja riesig. Und ihr habt
jetzt zwei Schiffe. Und dann sagst du, es gibt insgesamt 15 Organisationen in ganz Europa,
diese was machen. Das ist ja eigentlich wie, also wie Tropfen auf den heißen Stein oder wie die
Nadel im Heuhafen, wie man auf Deutsch sagt. Also, ihr könnt ja gar nicht alles sehen. Und
das ist doch, das muss doch auch wahnsinnig frustrieren sein, dass da so viel passiert, jeden
Tag, wo ihr gar nicht helfen könnt. Ja, das ist wahnsinnig frustrierend. Ja. Und ich glaube,
es ist, um es zu frustrierender, wenn man weiß, wie leicht man helfen könnte. Also, z.B.
mit unserem Flugzeug. Es ist letztes Jahr im September passiert, dass wir quasi einen Boot
in Seenot gesehen haben, eben alle Behörden in Italien und Malter informiert haben und
gesagt haben, da muss Hilfe da geleistet werden. Und die haben einfach nichts gemacht,
haben nichts gemacht, haben nichts gemacht. Und zwei Tage später hat unser Flugzeug das Boot
wiedergesehen. Und es waren, ich glaube, noch sieben von, ich weiß die Zaanleiter genau nicht.
Aber wesentlich weniger Menschen an Bord als quasi zwei Tage zuvor. Und es sind wirklich mehrere,
also relativ viele Menschen ertrunken. Während quasi wir die ganze Zeit wussten, es gibt dieses
Boot und irgendwie versucht haben dafür zu sorgen, das dann schön fährt. Ja, das ist irgendwie,
wie du schon sagst, das gehört für uns irgendwie mittlerweile zur Normalität hinzu. Aber gleichzeitig,
wenn ein Hochhaus brennen würde oder auch ein normales Haus mit 20 Leuten und jemand ruf die
Feuerwehr und die kommt nicht oder kommt erst drei Tage später, das wäre doch ein Skandal.
Kann man, macht ihr auch sowas? Ihr macht ja auch, dass es ja eigentlich deine Aufgabe, eine
Organisation politische Lobbyarbeit. Ihr versucht Aufmerksamkeit zu schaffen. Kann man auch auf
unterlassende Hilfeleistung klagen? Ist das möglich? Weil das ist es ja eigentlich, oder? Wenn die
italienischen Behörden informiert werden, da ist ein Seenotfall und sie lassen die Menschen sterben,
ist das okay? Also kann man da nichts gegen machen? Das ist nicht okay, ist es definitiv nicht, ist es legal?
Genau, ist das nicht etwas, was man, also, hört jetzt schon die Frust in meiner Stimme, aber. Kann man da nicht was machen auf rechtlichem Wege? Ja, weil das wäre ja unter anderem
vielleicht auch ein Hebel, wenn dann mal die Regierung verklagt wird. Geht so was?
Ja, also genau in dem Fall haben wir tatsächlich gegen die italienische Regierung geklagt.
Das Problem bei Richtgerichtprozessen ist natürlich immer, dass die sehr, sehr langwierig und
sehr, sehr langsam sind und man sehr spezifische Beweislast braucht, sehr spezifische, einen sehr
bespezifischen Angriffspunk quasi, wie man, wie man so einen Gerichtsprozess gut gestalten kann.
Und ja, wir versuchen, dass wir bringen verschiedene Fälle immer wieder vor verschiedene Gerichte,
aber es sind sehr, sehr kleine und sehr langsame Erfolge, die man da erzielen kann. Und ich
glaube, wenn man quasi als Gegenspieler die europäische Kommission und die Regierung in der
verschiedenen Staaten hat, dann kann man sich vorstellen, dass das kein leichter Kampf ist.
Was sind Dinge, die wir und die Menschen, die hier zuhören tun können, wenn man das auch als
Gandal empfindet, dass da jeden Tag sechs Menschen ertrinken? Natürlich kann man spänden an euch.
Das wissen wir, das haben wir glaube ich beide auch schon getan in der Vergangenheit, aber was sind
vielleicht noch andere Möglichkeiten, sich zu engagieren oder an wen sollte man vielleicht noch
spänden, was empfielst du? Für mich ist, glaube ich, wirklich immer das wichtigste immer wieder
hinzuschauen und sich bewusst zu machen, dass das nicht normal sein kann, dass das keine Realität
sein darf und dass es eine Menschen gemachte Realität ist und deswegen veränderbar. Und ich glaube,
da kann man auf ganz, ganz vielen verschiedenen Wegen, ich glaube nicht, dass jede Person auf
einen Schiff gehen muss und irgendwie vor Ort im Zentralmittel mehr sein muss, sondern dass man auf ganz,
ganz vielen verschiedenen Wegen sich anschauen kann, wie die Welt heute ist und wie sie sein könnte
und versuchen, dafür zu kämpfen und vor allem, glaube ich, auch den Menschen zu zuhören,
die diese Situation selbst erlebt haben und die quasi am besten darüber berichten können,
wie die Situation in Libyen ist, wie die Situation an anderen Orten ist, da gibt es Organisationen,
wie zum Beispiel Refugees in Libya, was eine Selbstorganisation von Personen ist, die das quasi
selbst erlebt haben und versuchen, dagegen zu kämpfen. Ja, schweres Thema heute, ich glaube, was mir
noch wichtig ist am Ende, weil ich glaube, es ist auch auf so eine politische Diskussion, wo auf der
einen Seite stehen die Leute, die sagen, alle Grenzen zu keiner da freien und auf der anderen Seite stehen
die Leute, die sagen, Grenzen sollten gar nicht existieren. Ich denke, für jeden links oder rechts oder
in der Mitte ist das finde ich ein Thema, mit dem man sich auseinandersetzen muss, weil man kann
auch konservativ sein und sagen, hey, ich möchte, dass unsere nationalgrenzen weiterhin bestehen und
dass in unserem Land vielleicht jetzt im Moment nicht so viele Leute einwandern, dass es ja auch eine Meinung,
die man haben kann, aber die trotzdem nicht. kompatibel ist mit der Idee, dass sechs Leute
jeden Tag ertrinken, so das kann entflogen sein. Und ich denke, es müsste auch Lösungen geben,
wo man sagen kann, okay, Menschen sterben nicht jeden Tag und also auch wenn die politische Mehrheit im
Moment sagt, wir wollen nicht mehr Migration nach Europa, muss es möglich sein zu sagen, wir lassen
Menschen nicht jeden Tag ertrinken und das wäre mir noch wichtig als Abschluss, damit das nicht
immer nur eine politische Diskussion ist, weil es sollte eigentlich eine menschliche Diskussion sein.
Ein schönes Schlusswort, Karri, danke, dass du da warst, Doro, wir verlinken deine Organisation in den
Schonurz und quatschen noch ein bisschen weiter mit dir in unserer Aftascha. Vielen lieben,
danke euch für die Einladung, sehr gerne, danke, dass du hier warst, Doro. Bis bald. Bis bald.
[Musik]
Podcast Summary
Key Points:
Die zivile Seenotrettung ist eine Initiative von privaten Organisationen und Einzelpersonen in Europa, die aufgrund der fehlenden staatlichen Seenotrettung im Mittelmeer Menschen retten.
Seit 2015 haben viele europäische Staaten ihre Seenotrettung im Mittelmeer aufgegeben, argumentierend, dass dies die Flucht nach Europa fördern würde – ein Argument, das wissenschaftlich widerlegt wird.
Die Situation in Libyen, mit militärischen Konflikten, Zwangsarbeit und Zwangsinternierungslagern, verstärkt die Not der Flüchtlinge und führt zu einer Spirale der Gewalt und Verzweiflung.
Summary:
Die zivile Seenotrettung im Mittelmeer ist eine direkte Antwort auf die fehlende staatliche Hilfe, die es seit 2015 in vielen europäischen Staaten gibt. Während staatliche Akteure sich zurückgezogen haben, um Migrantenflüsse zu reduzieren, haben privates Engagement und zivile Organisationen wie „Sea Watch“ aktiv Menschen gerettet. Die Gründe für die Flucht aus Ländern wie Afghanistan, Irak oder Somalia sind vielfältig: Krieg, Armut und Perspektivlosigkeit treiben Menschen in eine lebensgefährliche Reise nach Europa.
Doch die Situation in Libyen verschärft das Risiko: militärische Konflikte, Zwangsinterventionen und Zwangsinternierungslager führen zu einer Spirale der Gewalt und Verzweiflung. Studien zeigen, dass zivile Rettungsschiffe nicht die Fluchtanzahl erhöhen, sondern ihre Zahl verringern. Dennoch bleibt die staatliche Inaktivität, beispielsweise durch die Nichtaktion bei Seenotfällen, ein gravierendes Problem.
Auch rechtliche Aktionen wie Klagen gegen italienische Behörden sind schwierig und langwierig, was die Effektivität der zivilen Initiative einschränkt. Die zivile Gesellschaft bleibt jedoch lebendig, durch Spenden und Aufmerksamkeit. Es ist entscheidend, dass Menschen nicht nur die Flucht sehen, sondern auch die Bedingungen in den Ausgangsländern verstehen.
Der Diskurs über Migration muss nicht nur politisch, sondern vor allem human sein – denn sechs Menschen sterben täglich im Mittelmeer, was keine akzeptable Realität sein darf. Die Aufmerksamkeit in Deutschland bleibt oft zurückhaltend, obwohl die zivile Bewegung aktiv ist. Die Hoffnung liegt in einem gesellschaftlichen Wandel: der Anerkennung, dass die Menschenrechte, insbesondere die Seerechte und das Recht auf Leben, unbedingte Grundlage für jede Politik sein müssen.
FAQs
Zivile Seenotrettung bezeichnet die Hilfe von privaten Organisationen und Einzelpersonen im Mittelmeer, um Menschen, die in Seenot geraten, zu retten. Das geschieht, weil einige europäische Staaten keine staatliche Seenotrettung in diesem Bereich mehr betreiben.
Weil staatliche Seenotrettung in bestimmten Bereichen eingestellt wurde, verursachen viele Menschen tödliche Reisen. Zivile Organisationen wollen das lebendige Leben retten und die Menschenrechte schützen.
Im Zeitraum 2015 wurden über 28.000 Menschen im Mittelmeer getötet. Die genauen Zahlen sind ungewiss, da die dunkle Ziffer wahrscheinlich viel höher ist – es sind etwa sechs Menschen am Tag.
Ein Argument aus der Politik besagt, dass Rettungsschiffe Menschen anziehen würden, die dann nach Europa fliegen. Tatsächlich zeigen Studien, dass dies nicht zutrifft – die Rettung verringert die Zahl der Ertrinkungen.
Internationales Seerecht verpflichtet alle Schiffe, bei einem Seenotfall Hilfe zu leisten, unabhängig von der Flagge. Außerdem muss jeder rettete Mensch an einen sicheren Ort gebracht werden.
Sea Watch betreibt zwei Schiffe, die rund um das Jahr im Einsatz sind. Wenn ein Seenotfall entdeckt wird, informieren sie die Behörden und retten die Personen, die in Seenot sind.
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