Diese Folge von "Das Wissen" beschäftigt sich mit der Funktion und Wirkung von Tabus in der Gesellschaft. Tabus werden als informelle Meidegebote definiert, die tief in der Sozialisation verankert sind und oft aus einem inneren Hemmnis heraus befolgt werden. Sie ordnen das Zusammenleben, indem sie Grenzen ziehen und Konflikte vermeiden. Gleichzeitig können sie schädlich sein, wenn sie Themen wie Homosexualität, psychische Gesundheit oder Sucht stigmatisieren und Betroffene zur Isolation zwingen. Am Beispiel des ehemaligen Fußballers Marcus Urban wird gezeigt, wie die Tabuisierung von Homosexualität zu jahrelanger Unterdrückung der eigenen Identität führen kann. Der Psychiater Georg Schomerus betont, dass Tabuisierung Probleme oft vergrößert, statt sie zu lösen. In der Geschichte wurde der Tabubegriff aus Polynesien übernommen und diente in Europa als Beschreibungskategorie für eigene gesellschaftliche Normen. Während die Aufklärung und die 68er-Bewegung für Enttabuisierung standen, entstehen heute neue Tabus, etwa gegen Rassismus oder Antisemitismus. Die Sprachwissenschaftlerin Christine Kuck weist darauf hin, dass Tabus nicht unbedingt bedeuten, dass nicht über ein Thema gesprochen wird, sondern dass es auf bestimmte Weise umschrieben wird. Abschließend wird die Rolle von Kunst und Comedy als Räume für die Verhandlung von Tabus thematisiert, wobei die Komikerin Julia Brandner betont, dass es auf die Qualität der Auseinandersetzung ankommt.
ARD Sounds. Das wissen. Ein Gedankenspiel. Ihr sitzt mit Freunden am Küchentisch zum Brunch zusammen. Es wird gegessen und geplaudert. Über das Wetter, die Arbeit, die Familie. Oder über Fußball. Aber dann fällt Einsatz, der alle verstummen lässt. Was wäre so ein Satz bei euch? Marc und ich haben seit Jahren keinen Sex mehr. Hast du ein Alkoholproblem? Ich wünschte, die Kindergäbe ist nicht. Tabus, warum wir sie brauchen und manche brechen. Von Marisa Gierlinger. Hier geht es nicht um das, was man angeblich nicht mehr sagen darf. Es geht um ein tieferes Schweigen. Eines, das wir verinnerlichen. Um Tabus, die in Teilen der Gesellschaft immer noch bestehen. Wenn es etwa um Sexualität geht, um psychische Gesundheit oder weibliche Selbstbestimmung. Warum wir manchmal Schweigen, wen das schützt und wann es schadet? Darum wird es in dieser Folge von "Das Wissen gehen". Und auch darum, was das mit eurem Küchentisch zu tun hat. Bei Tabu hat man es eigentlich mit einem Meidegebot zu tun. Im Gegensatz zu einem Verbot, das ja ganz stark auf Konvention beruht und gesellschaftlich verankert ist. Christine Kuck ist Sprachwissenschaftlerin an der Universität Magdeburg. 2025 hat sie gemeinsam mit einer Kollegin einen Sammelband herausgegeben. Tabus und Tabubrüche als Symptome gesellschaftlicher Verhältnisse. In ihrer Forschung beschäftigt sie das Thema weiterhin. Tabubrüche sind im Grunde übertretungen von gesellschaftlichen Regeln und Konventionen, die so stark sind, dass man Angst hat, Verstoßen zu werden. Ob diese Angst berechtigt ist oder nicht. Wir alle kennen unsichtbare Grenzen, die wir einhalten. Ohne dass es jemand direkt verlangt oder ein Gesetz sie vorschreibt. Eine Art inneres Hemnis, das man zwar spürte, aber lange nicht in Worte fassen konnte. Im Jahr 1779 kehrt der britische Seefahrer James Kuck von seiner dritten Weltumsegelung nach Europa zurück. Mitgebracht hat er ein Wort. Tabu. Es stammt aus dem Südpartzifig, genauer gesagt von den polinesischen Inseln. Dort bedeutet es so viel wie "heilig", "unberührbar" oder "verboten". Ein Wort für Orte, die man nicht betritt. Dinger, die man nicht berührt, nicht sagt. Ja, nicht einmal denkt. Schnell verbreitet sich das Wort Tabu auch in Europa übersprachen und kulturen hinweg. Und hat sozusagen sich selbst auch in den Tabu-Konzept wiedergefunden, hat eigenes Verhalten, dann wiedergefunden und ist dann eben über Jahrzehnt schon und im Grunde auch Jahrhunderter hinweg als Beschreibungskategorie für die eigenen europäischen Gesellschaften verwendet. Gesellschaften brauchen eine gewisse Klarheit über zentrale Norm, zentrale Verhaltensregeln, die für alle gehalten sollen und die auch so selbstverständlich sind. Lernen, was Tabu ist. Das ist Teil unserer Sozialisation, sagt Rainer Keller. Er ist Professor für Sociologie an der Universität Augsburg. Das heißt, in den Familien, in den Kindergärten, werden nach dem Nachfemittel, was wir tun sollen, was wir nicht tun sollen, was wir anfassen dürfen, was wir nicht anfassen dürfen, welche Distanz wir einhalten oder nicht einhalten. Da spielen sich so Normen ein, die sind nicht formal festgeschrieben, sondern die entwickeln sich aus Interaktion, aus Begegnung, aus Wiederholung und aus den Korrekturen, die man hat in diesen Begegnungen. Wir halten uns an bestimmte Regeln, nicht weil uns jemand zwingt, sondern aus einem inneren Hemnissen heraus, aus Angst ausgeschlossen zu werden. Ekel und Charme werden zu Instrumenten der Selbstkontrolle. Wir sprechen zum Beispiel nicht öffentlich über unsere Verdauung, weil wir das selbst als schmutzig empfinden. Wir haben dann andere Mechanismen, die sind natürlich beispielsweise mediale Verbreitung, wo Dinge es kanalisiert werden. Das darf man nicht oder es wird diskutiert, was man darf. Und schließlich gibt es natürlich die ganz großen, also die Rechtsordnung und so weiter, die das dann von der anderen Seite noch mal klären. Dazu gehören die europäische Menschen rechtskonvention oder die deutsche Verfassung. Aber auch religiöse Vorgaben, wie sie die Bibel, die Torah oder der Koran vermitteln. Du sollst nicht töten oder stählen. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Manche Tabuvorstellungen sind in Gesetze eingefchlossen. Bis 1994 zum Beispiel waren homosexuelle Handlungen zwischen Männern offiziell strafbar. Um den Paragrafen 218 das Verbot von Schwangerschaftsabröchen wird bis heute gerungen. Dabei können auch Tabus, die nicht rechtlich verankert sind, starke Auswirkungen haben. Der Tabubegriff hat immer noch so eine Aura, eine besonders erhöhten Verbotes aus religiösen Gründen, aus moralischen Gründen, anderer Moralquellen. Wir bringen nicht alle Themen auf den Küchentisch. Etwa Dinge, die wir als eklig oder unanständig empfinden, um niemanden zu nahe zu treten und Konflikte zu vermeiden. So lange sich alle an die unsichtbaren Regeln halten, bleibt es harmonisch. Man könnte sagen, Tabus ordnen die Gesellschaft. Sie ziehen Grenzen und schützen, was uns heilig ist. Und ermöglichen so ein weitgehend Konflikt-Freis zusammenleben. Eine gute Sache, theoretisch. Richtung Leistungssport ging es so, als ich 13 wurde. Da kam ich auf die Sportschule. Und die ersten homophoben Sätze habe ich bewusst wahrgenommen in der Schule. Da hieß es dann, bist du Schul oder was? War für mich als Kind, dann klar, okay, das muss irgendwas nicht gewünschtes sein. Und so beginnt man dann, unterbewusst sein aufzunehmen, dass man das nicht sein sollte, um dazu zu gehören. Und man will ja zur Gruppe dazu gehören. Ich bin ex-Profifussballer und der erste geoutete, Ofifussballer Deutschlands weltweit der zweite in der gesamten Fußballgeschichte. Markus Urban merkt schon als Kind, dass er sich zu Männern hingezogen fühlt. Er wächst in der DDR auf. Jagang 71. Es ist die Zeit der ersten großen Schwulenbewegungen. Eigentlich. Aber Markus möchte Fußballer werden. Und merkt schnell, als Fußballer ist man nicht schwul. So, blieb es halt immer unerwähnt, ungenannt. Und dadurch, ja, die Vorstellung, dass sei was anrüchiges. Klar, Tabus, wenn etwas nicht gesprochen wird, bleibt das anrüchig. Obwohl es etwas völlig banales und einfach ist. Markus will dazu gehören. Wenn die anderen Bier trinken, trinkt Markus auch Bier, obwohl er Bier nicht mag. Wenn sie über Mädchen reden, redet er mit. Er hat auch Freundinnen, ohne sich zu ihnen hingezogen zu fühlen. Es dauert lange, bis er sich traut, sich zu öffnen. Ich habe das alles weggedrückt, hatte Angst davor, lächerlich gemacht zu werden, und in der Kabine würde man dann komisch angeschaut werden. Oder, dann machst du, der verdacht, es wird über ein Getuschelt. Und ja, es war mit Dauerqual. Es gibt sozusagen diese klassische Illustration davon. Denken Sie jetzt bitte einmal nicht an einen Rosa-Elefanten. Und sofort denkt man an einen Rosa-Elefanten. Man kann das gar nicht verhindern, wenn man kann nicht an etwas denken. Und deshalb ist die Tavuzierung von Sachen, macht die Sachen eher größer. Sagt der Psychater und Psychotherapeut Georg Schumeros. Den Effekt, den er beschreibt, konnte der US-Psychologe Daniel Wegener in mehreren Studien nachweisen. Wegener's Forschung zeigt der außerdem, Menschen versuchen Eigenschaften, die sozial negativ bewertet werden, zu verbergen. In Markus Urbansfall heißt das, die eigene Identität zu unterdrücken. Aus Angst davor ein Tabu zu brechen und diskriminiert zu werden. Das kann genauso belastend sein, wie die Stigmatisierung selbst. Das weiß Georg Schumeros vor allem aus seinem eigenen Arbeitsbereich. Er ist Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum leibt sich. Wenn ich eine psychische Krankheit habe, dann überlege ich mir sehr genau, wie ich mir erzähle ich davon, weil ich Angst habe, bevor die negativen Reaktion und uns zweifelsfall entscheide ich mich dafür, nichts zu erzählen. Und dann erfahre ich zwar keine negativen Reaktion, bin aber mit meinem Problem trotzdem isoliert. Tabus und Stigmatar sind zwar nicht dekungsgleich, aber sie bedingen sich oft gegenseitig und gehen miteinander einher. Was aus der Norm ausgeklammert wird, das ist negativ behaftet. Was nicht sichtbar ist, wird nicht akzeptiert. Und umgekehrt schreckt man davor zurück, das, was vermeintlich nicht akzeptiert ist, sichtbar zu machen. Eine Schweigespirale. Geht es um psychische Gesundheit, dann könnte man den Eindruck haben, dass alte Tabus inzwischen längst aufgebrochen sind. Während Menschen früher am Arbeitsplatz und im Freundeskreis Angst davor hatten, offen über psychische Probleme zu sprechen, ist es heute kein Tabum mehr, zu psychotherapeut hinzugehen. Im Gegenteil. Etliche Influencer sprechen in den sozialen Medien ganz offen über Mental Health und ihre Diagnosen wie ADHS und Autismus. Im Internet finden betroffene, schnell, sich Informationen dazu. Nicht nur seriöse. Und dann gibt es andere Diagnosen wie Psychose oder Schizophrenie, zufrieden.
die deutlich stärker stigmatisiert sind und Suchtkankheiten, die noch mal eine ganz andere Qualität des Stigmas haben, weil es hier eine ganz starke moralische Komponente gibt, wo den Leuten im Grunde vorgeworfen wird, dass sie entfehler machen oder einen falschen Lebenswandel haben oder falsche Entscheidungen treffen oder wählen schwach sind. Dieses Stigmatisierung sei gerade bei Alkoholabhängigkeit so stark verinnerlicht, dass viele die eigenen Suchtprobleme auch selbst nicht sehen wollen oder können. Wir sind ein Hochkonsumland, sehr viele Leute trinken sehr viel, 10 bis 20 Prozent haben einen gesundheitlichen Kantenalkoholkonsum. Und wenn ich aber das Thema Abhängigkeit tabuisierer oder sehr weit vom Weg schiebe, und sage, das sind immer die anderen. Das führt dazu, dass man dann entsprechende Hilfe erst dann ansprochenen, wenn es sich gar nicht mehr vermeiden lässt, das Problem erst dann sieht, wenn es wirklich nicht mehr zu übersehen wird. Also im Zweifelsfall erst sehr spät. Sich selbst einzugestehen, dass die zwei, drei oder mehr Feierabend Birchen ein Problem sind, wird zum Tabu. Das Tabu als Unterdrückungsmechanismus. So sah es auch schon der Psychoanalytiker Sigmund Freud. 1913 veröffentlicht er das Werk Totem und Tabu. Darin knüpft er an die ursprüngliche Herkunft des Tabus an. Wir hatten es vorhin schon, die Inselvölker in der Südsee. Freut greift die ethnologische Bedeutung auf und das recht polemisch. Für ihn sind Tabus etwas, was der Neurotiker mit dem Zitat primitiven gemein hat. Denn auch diese würden gegen ihren Willen äußeren Zwingen gehorchen, gesellschaftliche Verbots- und Verdrängungsmechanismen übernehmen. Und zwar völlig irrational und unhinterfragt. Und doch beschrieb Freut auch Eigenschaften, die heute noch zur Definition des Tabus gehören. Dazu gehörere eine gewisse Doppeldeutigkeit. Es heißt uns einerseits heilig geweid, andererseits unheimlich gefährlich verboten und rein. Die Idee, dass etwas so heilig ist, dass man es nicht berühren darf, das kennen wir ja in der christlichen Mythologie im Grunde auch. Und wir kennen aber Tabuisierung auch tatsächlich in die andere Richtung. Also das ist etwas so stark stigmatisiert wird, dass es also unrein betrachtet wird, dass es gar nicht als Teil der eigenen Gesellschaft anerkannt wird. Das ist heute in der Alltagsprache, obwohl die dominierende Bedeutung und das ist zum Beispiel das Inzestabu, das weit über kulturelle Grenzen und in langen Zeiträumen gilt. Und was auch sehr verbreitet ist, ist eine Tabuisierung von ja körperlichen Krankheiten oder Körperausscheidungen, also Körperlichkeit scheint, etwas zu sein, dass sehr häufig mit Tabus belegt ist. Deswegen gibt es natürlich gerade im Bereich der Medizin und der Gesundheitsversorgung sehr, sehr viele Fragen, die rund um das Thema Tabu im weitesten Sinne oder vielleicht konkreter dann mit Stigmatisierung zu tun haben. Es sind Fragen, mit denen Silke Schicktanz sich schon länger intensiv beschäftigt. Sie ist Professoren für Kultur und Ethik der Biomedizin an der Universität Göttingen. Das ausgerechnet unser eigener Körper so schan besetzt ist, erklärt sie sich so. Diese Art von Tabus im Umgang mit Körper, mit Altern, mit der Veränderung, mit der Wagenommen, nicht mehr optimalen Funktionalität. Das steckt ja häufig dahinter. Also das sind Faktoren, das sind Erfahrungen, die sozusagen das funktionieren, eines Systems in Frage stellen. Themen wie Krankheit, Behinderung und Tod werden gemieden, ausgeblendet. Manche Krankheiten sind dabei mehrstigmatisiert als andere. In Kontinenz, Himoriden oder Verdauungsprobleme, wie das Reizdarmsendrom zum Beispiel. Sie sind mit Ekel oder Scham behaftet. Bei sexuell übertragbaren Krankheiten schwingt außerdem oft eine moralische Bewertung mit. Statt Schutz bedeutet das in den meisten Fällen doppelten Schaden für die Betroffenen. Wenn man zum Beispiel über Krankheiten nicht spricht, oder über seine sozusagen beschwerden, dann bekommt man auch keine Hilfe. Zugleich sind dann die Menschen, die dieses Tabu brechen, werden vielleicht eben von der Gesellschaft oder von der bestimmten Gruppe ausgestoßen, werden nicht so akzeptiert, werden als nicht mehr gleichwertiger Bestandteil dieser Gesellschaft wahrgenommen. Dass sich gerade Tabus um Körper und Gesundheit so weitgehend durchsetzen konnten, ist wohl kein Zufall. Sie könnten sich als evolutionäre Meidestrategien entwickelt haben. Das sagt die weitverbreitete Theorie des Verhaltensgesteuerten im Munsystems. Demnach sorge unser Ekel vor Körperflüssigkeiten, Kot und Verwesung dafür, dass wir keine Meiden. Menschen, die äußerlich von der Norm abweichen, würden als biologisches Risikowagenommen. Wie gefährlich Tabuisierung sein kann, zeigt das Beispiel HIV. In Zeiten und Regionen der Welt, in denen Tests und Prävention mit Scham besetzt waren, gab es höhere Infektionsraten. Und doch, sagt Silke Schicktanz, können manche Tabus auch eine soziale Funktion erfüllen. Auch das Dichwort "Der Tod wird tabuisiert", das ist ja auch so eine Ahnung, die bei Lens auf der einen Seite wird immer ganz viel über das Sterben und Morden in Fernsehen und Film berichtet und wir lesen alle gerne krimmish. Und so gleich ist es, sagen, das sprechen übertürfütig für die eigene Angst vor dem Tod oder vor dem Sterben, vor allem vor dem Sterben, vielleicht vor dem Sterben, das mit Schmerzen verbunden ist. Das ist sozusagen, weil etwas, was uns emotional extrem belastet, was uns schwerfällt. Und man kann natürlich Tabu auch so verstehen, dass Tabus uns ein bisschen davor schützen, die ganze Zeit darüber auch sprechen zu müssen. Viele Tabus haben sich aus Schutzmechanismen herausentwickelt. Diese Bedeutung dürfte der Begriff aber weitgehend verloren haben. Denn meist steht dabei eine Art Vorwurf im Raum. Wer von Tabu spricht, meint in der Regel, dass etwas zu unrecht tabuisiert wird. Das Tabu hat an sich einen schlechten Ruf. Woran liegt das? Als der Tabubegriff in die europäische Kultur integriert wurde, in das europäische Selbstbild integriert wurde, ist das eben auch ein Zeid, in Zeit eurer der Aufklärung passiert, wo das Licht der Aufklärung hinfällt, da bleibt nichts in Verborgenen. Und es Tabu ist sozusagen ein genaue Gegenteil. Das ist das, was der Rationalen Diskussion entzogen bleibt, etwas, was eben es gar nicht sichtbar oder es gar nicht thematisiert werden soll. Enttabuisierung. Das bedeutet noch heute für viele Aufklärung. Nicht umsonst war es der Schlüsselbegriff in den liberalen Bewegungen der spätten 60er und 70er Jahre. Plötzlich wurde über Dinge gesprochen, die vorher tot geschwiegen wurden oder tabuisiert waren. Man sprach über die Nazi-Vergangenheit, über die selbstbestimmte Sexualität der Frau, losgelöst vom Kinderkriegen. Überliebe jenseits der heterosexuellen Parbeziehung. Der Grundstein für viele unserer heutigen Werte wurde in dieser Zeit gelegt. Und neue Grenzen gezogen. Wer sich heute etwa homofob oder antisemitisch äußert, muss mit Konsequenzen rechnen. Auch mit rechtlichen. Den Holocaust zu leugnen, ist inzwischen nicht mehr nur ein Tabu, sondern in Deutschland seit 1994 auch strafbar. Ebenso wie Volksverhetzung oder das Verwenden von NS-Symbolen. Rechtsextreme und diskriminierende Äußerungen sind zumindest stark gebrannt. Manche Wittern darin eine Zensur. Es gibt tatsächlich vor allem in politischen Diskursen den Tabulisierungsvorwurf, sozusagen als Todschlagargument, als Holzhammer, mit dem man sagen kann, dass das, was man sagen möchte, im Grunde nicht gesagt werden darf. Das ist aber natürlich zweischneidig, weil man sich mit diesem Argument natürlich auch sehr gut in einer Art Opferposition setzen kann. Und auf der anderen Seite kann man es natürlich auch verwenden, um Dinge zu sagen, die tatsächlich unsere Werte weit überschreiten. Gewisse Sprachtabus gebe es tatsächlich, sagt Sprachwissenschaftlerin Christine Cook. Was nicht unbedingt heißt, dass man über ein Thema nicht spricht. Sondern in Gegenteil bedeutet es, dass man auf eine bestimmte Art und Weise darüber spricht. Also man spricht Dinge nicht aus, man verwendet mit Taffern, man redet rum herum, man sagt etwas anderes, man flüchtet ins Allgemeine. Wir sagen, jemand ist von uns gegangen, um den Tod nicht zu benennen. Mittellosigkeit statt Armut, Unterstützungsbedarf statt Behinderung. Oft ist es der Versuch, nicht mit Worten verletzen zu wollen. Es verkenne aber zum Teil, dass die Stigmatisierung nicht im Wort selbst, sondern im Bezeichneten weiterhin besteht, sagt Christine Cook. Wir haben jede Menge Formulierungen in der Alltagsprache, die auf Taborisiertes verweisen, also so etwas wie miteinander schlafen, die sehr eindeutig auf das referieren, was eigentlich das Taborisierte ist. Das ist auch notwendig, weil wir eher wissen müssen, was wir umgehen sollen. Wenn ich Endwurfsage weiß jeder, was damit gemeint ist. Manche Worte entstammen einem racistischen und menschenverachtenden Kontext. Deshalb haben wir uns weitgehend darauf geeinigt, sie aus dem Sprachgebrauch zu verbannen. Kritik daran versteht Christine Cook dennoch. Man kann zurecht die Frage stellen, ob eine Kudierung tatsächlich der wichtige Weg ist, oder ob man sich damit nicht auch die Möglichkeiten nimmt, überassistische Sprache zu sprechen.
gute Gründe. Zum Beispiel, weil es zu in Team ist oder bestimmte Gruppen stigmatisiert. Aber es müssen auch Wege und Räume geben, um diese Themen zu verhandeln, sagt Christine Cook. Ein Beispiel dafür sei der schulische Sexualkundeunterricht. Hier wurde bewusst ein Raum geschaffen, um das zumindest früher stark tabulisierte Thema Sex zu verhandeln. Andere solltje Räume bieten die Wissenschaft. Die Kunst, Literatur oder Satire. Ich habe es ja auch Verständigungsschwirrigkeit mit deutschen Sohys Österreicherin. Ein YouTube-Ausschnitt vom AID-Kommedy-Klash vom Mai 2025. Ich habe das abfisch schwarle, sage ich, gesprächte Abfelsaft, Stadthütis, sage ich Sackgal, Stadthinsis, sage ich, wenn alle Beteiligten einverstanden sind, wie sonnet. Es gibt ja diese hohohohohler, die dann kommen. Oder weiß, jetzt hat es sowas gesagt, wo sie die Leute denken. Oh, das hat sie jetzt natürlich gesorgt. Julia Brandner ist Standup-Kommedyenne und Autorin. Mit ihren Auftritten ist sie im gesamten deutschsprachigen Raum unterwegs, wie in dem gehörten Clip auf der SVA-Bühne in Stuttgart. Tabus sind für sie eigentlich kein Thema. Ich kann die Frage nicht mehr hören, was kommen die daf. Ich denke mir grundsätzlich darf sie alles. Es kommt in der Comedy für mich drauf an, ob da jetzt gut ist. Je herrter das Thema ist, umso besser muss da beziehen. Und das ist in wesentlichen das, was kommen die für mich ausmacht. In den Medien ist dieser Dänegerzeit aber auch mit einer anderen eigentlich persönlichen Sache. Einen Tabubruch, wie es immer wieder heißt. Denn Julia Brandner möchte keine Kinder haben und hat sich mit Ende 20 sterilisieren lassen. Welche Sack versteht, das Interesse daran auch gar nicht, weil ich finde, sollte eigentlich gar nichts so besonderes sein. So sollte es nicht so besonders sein, dass eine Frau eine selbstbestimmte Entscheidung über ihr Körper trifft, die nicht von irgendeinen Mann abgesägnet haben musste. So ein Busesich einfach gedacht hat, ja, für mich ist das so richtig, und ich mach's. Im Jahr 1971 haben 374 Frauen auf dem Cover des Stern bekannt. Wir haben abgetrieben und wir fordern das Recht für alle Frauen. Es war ein Tabubruch. Die Aktion war ein Schlüsselmoment der Frauenbewegung. Sie hat vieles angestossen, dass wir heute für selbstverständlich halten. Weibliche Selbstbestimmung und ungewollte Mutterschaft. Das sind zwar immer noch Themen, die manche Gemütter erhitzen, aber es sind keine Tabus mehr. Inzwischen wird auch immer offener über andere weibliche Themen gesprochen, die vorher in einer männlich dominierten Öffentlichkeit nicht stattfanden. Minstruktion, die Wechseljahre oder Frauengesundheit im Allgemeinen. Julia Brandner hat ihre Sterellisation öffentlich gemacht, in ihrem Bühnenprogramm und in ihrem Buch "I'm not kidding. Warum ich keine Kinder möchte und dafür keine Entschuldigung brauche? Seitdem muss sie viel Hass im Internet einstecken. Viele Reaktionen sein, aber positiv erzählt sie. Vor allem von Frauen, die ähnlich wie sie empfinden. Dass sie darüber spricht, ist für sie kein Tabubruch, sondern selbstverständlich. Aber ja, schauen wir, muss man darüber sprechen, weil es eben noch nicht normal ist. Tabu. Dieser Begriff wird gerne benutzt. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht irgendwo öffentlich von einem Tabu oder einem Tabubruch die Rede ist. Als Kampfbegriff im Diskurs oder aber um ein Thema gezielt zu scandalisieren. Da wird plötzlich vieles zum Tabu erklärt. Religion, Einsamkeit, Geldgeschenke, Minstruktion, Übergewicht, um nur ein paar Beispiele aus den Medien in der letzten Zeit zu nennen. Tabu. Das klingt nach Prisanz. Nach darüber muss gesprochen werden. Und doch wird die ganze Zeit darüber gesprochen, dass es nämlich ein Tabu sei. Der rosa Elefanten-Effekt. Was aber ist wirklich Tabu? Das lässt sich so pauschal nicht beantworten. Denn die Gesellschaft gibt es nicht. Stattdessen gibt es soziale Gruppen und Räume mit ihren eigenen Tabus. Und sie verändern sich mit der Zeit. Was in einer Gruppe Tabu ist, ist bei anderen völlig normal. Nehmen wir das Küchente-Speispiel. Wenn eure Freunde muslimisch sind, dann wird Speck oder Schinken zum Frühstück für sie Tabu sein. Sitzten nur Frauen am Tisch, dann sprecht ihr über bestimmte Körperthemen vermutlich offener. Und auch dann macht es einen Unterschied, ob die siebte herigen Nachbarin dabei sitzt. Wenn man sich eine Gesellschaft über einen längeren Zeitraum anschaut, dann findet man immer wieder Diskussionen über die gemeinsamen Werte und die Gültigkeit gemeinsam erwerte. Wenn in 50er Jahren umgesexualität so gut wie unsichtbar entweder abends geläugnet, wie es gar nicht darüber gesprochen oder es in Bereich des Nicht-Azeptablen verband. Und heutzutage haben wir doch eine sehr weitgehende Aktion der Gleichstellung, Husexueller Beziehung, in zur heterosexuellen Beziehungen. Und doch gibt es heute noch Bereiche, wo ein Tabu nicht endgültig gebrauchen ist. In den 90er Jahren lässt Markus Obern die Welt des Profifußballs hinter sich. Er beendet seine Karriere beim FC Rotweiß-Erfurt. In dieser Zeit beginnt er sich zu outen. Die Reaktionen sind positiv. Was das angeht, war das erst meine Befreiung. Und ich habe dann auch so ein übermäßiges Betriebenes Selbstbewusstsein, glaube ich, entwickelt. Und bin dann eher so richtig nach vorne gegangen. Und wollte das auch üben, Leuten zu erzählen. Ja, um die Rückmeldung zu sehen und zeigen, ich bin, wer ich bin. Und das ist okay. Der Schritt in die Öffentlichkeit erfolgt 2007. Eigentlich ist es die Öffentlichkeit, die auf ihn zukommt. Und dann kam 2006 oder 7 ein Team der ARD, der Tagesthemen auf dem Fußballplatz in Hamburg, wo ich gerade Fußball spielte und fragten nach Geschichten, ob jemand was zu erzählen hätte. Dann habe ich gesagt, ja. Ein Jahr später erscheint seine Biografie. Versteckspieler. Heute spricht Markus Orban als Experte und Botschafter über Themen wie Vielfalt und Normalität. Als Geschäftsführer des Vereins für Vielfalt in Sport und Gesellschaft setzt er sich weiterhin gegen homophobie im Profisport ein. 2014 hat sich mit Thomas Hitzelsberger zum ersten Mal ein Prominenter Fußballprofi geoutet. Die Tür hat sich einen Spalt geöffnet. Jetzt liegt es an anderen hin durchzugehen. Es gibt es sogenannte Toleranz Paradoxon. Der italienische Schriftsteller Umberto Echo brachte es folgendermaßen auf den Punkt. Um Toleranz zu sein, muss man die Grenzen dessen, was nicht tollerierbar ist, festlegen. Ähnlich lassen sich vielleicht auch Tabus betrachten. Wir leben durchaus in einer Gesellschaft, die Tabus hart und Tabus befolgt. Das zum Beispiel auch tut, um sich zu schützen, um Werte zu schützen, um Bevölkerungsgruppen zu schützen. Und um bestimmte Dinge einfach nicht zur Diskussion stellen zu müssen. Manche Tabus brauchen wir. Auch oder gerade als liberale Gesellschaft. Grenzen, die wir nicht überschreiten. Die etwa die Körperliche oder sexuelle Selbstbestimmung anderer Menschen schützen. Solche Menschenrechte sind unverhandelbar. Und doch, gleichzeitig müssen wir fähig bleiben, die Grenzen des Sages und Machbarem zu hinterfragen. Uns immer wieder über unsere Werte zu verständigen. Und wo es nötig ist, mit alten Tabus zu brechen. Das Wissen. Tabus. Warum wir sie brauchen und manche brechen. Von Marisa Gierlänge. Sprecherin Nadine Kettler. Redaktion Vera Kern. Regie Günter Mauer. Wenn du dich für dieses Thema interessiert hast, empfehlen wir dir noch eine andere, das Wissenfolge. Was ist das neue Normal? Wie Krisen unsere Werte verändern? Darin fragen wir, was das normale überhaupt ist, angesichts der vielen Krisen. Und wer davon profitiert, die Norm zu setzen. Zu hören in ARD-Sounds und überall wo es Podcasts gibt. Das Wissen vom SWR. Links zu weiteren Informationen stehen in den Show Notes zu dieser Folge.
Podcast Summary
Key Points:
Tabus sind informelle, gesellschaftliche Meidegebote, die oft tiefer wirken als formelle Verbote.
Der Begriff stammt ursprünglich aus Polynesien und wurde durch James Cook nach Europa gebracht.
Tabus erfüllen eine soziale Ordnungsfunktion, indem sie Grenzen ziehen und Konflikte vermeiden.
Sie können jedoch auch schaden, indem sie Themen wie Homosexualität, psychische Krankheiten oder Sucht stigmatisieren und Betroffene isolieren.
Der Umgang mit Tabus ist ambivalent
In der Moderne wird Enttabuisierung oft mit Aufklärung gleichgesetzt, während neue Tabus (z.B. gegen Rassismus) entstehen.
Kunst, Satire und Comedy bieten Räume, um Tabus zu verhandeln, ohne sie zu brechen.
Summary:
Diese Folge von "Das Wissen" beschäftigt sich mit der Funktion und Wirkung von Tabus in der Gesellschaft. Tabus werden als informelle Meidegebote definiert, die tief in der Sozialisation verankert sind und oft aus einem inneren Hemmnis heraus befolgt werden. Sie ordnen das Zusammenleben, indem sie Grenzen ziehen und Konflikte vermeiden.
Gleichzeitig können sie schädlich sein, wenn sie Themen wie Homosexualität, psychische Gesundheit oder Sucht stigmatisieren und Betroffene zur Isolation zwingen. Am Beispiel des ehemaligen Fußballers Marcus Urban wird gezeigt, wie die Tabuisierung von Homosexualität zu jahrelanger Unterdrückung der eigenen Identität führen kann. Der Psychiater Georg Schomerus betont, dass Tabuisierung Probleme oft vergrößert, statt sie zu lösen.
In der Geschichte wurde der Tabubegriff aus Polynesien übernommen und diente in Europa als Beschreibungskategorie für eigene gesellschaftliche Normen. Während die Aufklärung und die 68er-Bewegung für Enttabuisierung standen, entstehen heute neue Tabus, etwa gegen Rassismus oder Antisemitismus. Die Sprachwissenschaftlerin Christine Kuck weist darauf hin, dass Tabus nicht unbedingt bedeuten, dass nicht über ein Thema gesprochen wird, sondern dass es auf bestimmte Weise umschrieben wird.
Abschließend wird die Rolle von Kunst und Comedy als Räume für die Verhandlung von Tabus thematisiert, wobei die Komikerin Julia Brandner betont, dass es auf die Qualität der Auseinandersetzung ankommt.
FAQs
Das Wort 'Tabu' stammt aus dem Südpazifik, genauer von den polynesischen Inseln, und bedeutet 'heilig', 'unberührbar' oder 'verboten'.
Tabus ordnen die Gesellschaft, indem sie Grenzen ziehen und schützen, was uns heilig ist. Sie ermöglichen ein weitgehend konfliktfreies Zusammenleben, können aber auch Unterdrückung fördern.
Das Verbergen der eigenen Identität kann genauso belastend sein wie die Stigmatisierung selbst. Es führt zu Isolation und verstärkt das Problem, wie bei psychischen Krankheiten oder Homosexualität.
Tabus um Körper und Gesundheit, wie bei Inkontinenz oder psychischen Krankheiten, können dazu führen, dass Betroffene keine Hilfe suchen. Sie sind oft mit Ekel oder Scham behaftet und erschweren die Behandlung.
Der Begriff wurde im 18. Jahrhundert aus Polynesien nach Europa gebracht und mit der Aufklärung verknüpft. Enttabuisierung galt als Fortschritt, etwa in den 1960er Jahren, als Themen wie Sexualität und NS-Vergangenheit offen diskutiert wurden.
Ein Tabu ist ein Meidegebot, das auf inneren Hemmnissen und gesellschaftlichen Normen beruht, während ein Verbot rechtlich festgeschrieben ist. Tabus werden oft verinnerlicht, ohne dass ein Gesetz sie vorschreibt.
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