Selbstverletzendes Verhalten wird in der aktuellen Forschung nicht als Diagnose, sondern als Klassifikation definiert, um das Phänomen besser zu erforschen und spezifische Therapien zu entwickeln. Es tritt vor allem in der Pubertät bei Jugendlichen auf und ist nicht immer mit psychischen Erkrankungen verbunden, obwohl es bei Depressionen, Trauma- oder Substanzstörungen häufig vorkommt. Der Hintergrund liegt oft in der Regulation negativer Gefühle, wie Verzweiflung oder Stress, und nicht direkt im Suizidgedanken. Die Therapie zielt darauf ab, individuelle Emotionsregulationsstrategien – wie Achtsamkeit, Stressbewältigung und Ersatzhandlungen – zu fördern, wobei die Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT) besonders relevant ist. Wichtige Faktoren sind die Fähigkeit, eigene Gefühle wahrzunehmen (Alexithymie), sowie soziale Unterstützung und eine ausgeglichene Lebensbilanz. Eltern und Interessierte sollten sich vorher mit Fachkräften beraten, um eine sensitiv und vertrauensvolle Diskussion zu ermöglichen. Selbstverletzung ist ein komplexes, individuelles Phänomen, das nicht einfach zu vermeiden ist, sondern vielmehr durch langfristige, empathische und strukturierte Unterstützung behandelt wird.
Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge von Jung und Freudlos, euer Podcast aus
der Uniklinik Freiburg, der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie.
In unserer Internet-Telefonleitung befinden sich heute, wie immer zum Glück, einerseits Moritz,
der Pädiater-Anwärter unseres Vertrauens. Hallo. Hallo Moritz. Hi. Und Sebastian, unser weltbester
junger Assistenzarzt in der Weiterbildung zum Psychiater, der aber jetzt in einer neurologischen
Versorgungsklinik arbeitet. Ja, anwesend. Sehr gut. Und ich bin es, Mene, die psychiatrische
Fachärztin eures Vertrauens. Hallo ist Mene. Meinerseits arbeitend in der Uniklinik Freiburg.
Hallo. Hallo. Ich sage heute ausnahmsweise, worüber wir sprechen. Es ist nämlich auch
ein spannendes interdisziplinäres Thema, was auch unseren guten Moritz betreffen könnte
potenziell. Es geht nämlich heute um selbstverletzendes Verhalten. Und aus diesem Grund möchten wir
eine kleine Triggerwarnung aussprechen. Wenn du, liebe Zuhörerin, lieber Zuhörer, dich
als Risikoperson betrachtest für selbstverletzendes Verhalten, dann würden wir von dem Hören
dieser Folge eher abraten, weil sie doch vielleicht ja auch Selbstverletzungsimpulse
triggern könnte. Und wir würden dann empfehlen, dass du dir die entsprechenden Informationen
lieber in einem geschützteren Rahmen, zum Beispiel im Rahmen der Psychotherapie, geben
lässt. Allen anderen jetzt viel Spaß. Sehr schön. Das war wie so eine Einleitung im Fernsehen.
Vielen Dank.
Ganz viel Freude.
Genau. Die Freude muss noch kurz innehalten, weil wahrscheinlich wisst ihr sowieso schon
alle, jetzt kommt erstmal unsere Frage zum 100-millionsten Mal Kennenlernen. Ich habe
heute wieder zweimal Oder-Fragen und einmal Wäre-Ich-Fragen. Ich würde sagen, wir legen
einfach gleich los. Ismene, passend zur immer noch währenden Situation Lockdown, Locker-Room
oder Lockenwickler?
Locker-Room kommt mir anregend vor. Das ist ja was Amerikanisches, oder?
Das stimmt ja auch gar nicht. Und reisen kann man auch nicht. Deswegen, wenn ich mal wieder
Fernweh habe, dann träume ich mich in einen Fern-Locker-Room in der Highschool.
Das ist sehr gut. Hast du schon mal Lockenwickler benutzt? Microfinish gelockt?
Nein, aber ich habe mal im Studium einen gescheiterten Versuch mit Papillotten aus Alufolie gemacht.
Damals war Alufolie noch erlaubt.
Was sind Papillotten?
Das sind normalerweise so kleine Schaumstoffwürmchen.
Also kleiner als Lockenwickler und ohne diese Widerhaken, wo man seine Haare auch einwickeln
kann und oben verzwirbelt man die dann so. Soll auch Locken machen.
Okay, bei nächster Gelegenheit wünschen wir uns ein Bild von diesem Experiment.
Ja, wie gesagt, das ist lange her.
Ja, spricht ja nicht gegen Bild.
Das ist vorbei.
Okay. Sebastian, Abstand, Anstand oder Altstadt?
Abstand momentan. Das ist nicht unbedingt meine Antwort, aber es ist einfach das Gebot
der Stunde.
Das ist traurig.
Ja, absolut.
Was wäre deine Lieblings-Altstadt?
Ja, schon Freiburg.
Echt?
Nicht Münster?
Aber ja, es gibt auch tolle andere. Münster ist auch schön auf jeden Fall, ein bisschen
ganz anders als Freiburg.
Ich hätte noch mal so ein episches Bild, wo du in der Münsterer Altstadt hättest.
Ja, aber der Prinzipalmarkt selber gibt mir jetzt nicht so viel. Das ist ja so das Tourizentrum
von Münster.
Also Freiburg. Gut, Freiburg. Alles klar. Ismene, wäre ich ein Pflaster, wäre ich?
Eins mit der Eisprinzessin drauf.
Ja.
Ja.
Die habe ich nämlich zu Hause. Ich wäre dann nicht besonders atmungsaktiv, aber hübsch
anzusehen.
Atmungsaktiv, okay. Elsa, ist das Elsa, die Eisprinzessin?
Ja.
Oder ist das eine random Eisprinzessin?
Ne, ist Elsa. Und andere Protagonisten.
Also meine Klientel aus dem Klinikalltag wäre, glaube ich, hoch begeistert von dir.
Ja, ich habe die aber nicht selber gekauft, sage ich zu meiner Verteidigung.
Ja, das würde ich an deiner Stelle jetzt auch sagen.
Weil ich geschenkt bekomme.
Meine Klientel aus dem Klinikalltag wäre wahrscheinlich allergisch gegen dich.
Ja.
So scheiden sich unsere Klientele. Egal. Sebastian, wäre ich ein Verhaltensmuster, wäre ich?
Gestört.
Das ist das erste, was mir eingefallen ist. Ich weiß auch nicht. Das ist jetzt spontan
gewesen.
Okay, aber die Frage war: Wäre ich ein Verhaltensmuster?
Ist das zu beta-eben? Da habe ich mich auch schon gefragt.
Ja, ich habe jetzt gestört geantwortet. Vielleicht bin ich ein gestörtes Verhaltensmuster. Wir
wissen es nicht.
Das ist doch total okay. Ich würde niemals…
Vielleicht war ich jetzt auch völlig aus der Rolle und habe keinen Bock mehr auf Oder-Fragen.
Ist doch jetzt auch scheißegal.
Okay, dann mache ich schnell weiter mit Ismene. Die ist euterartiger. Letzte Runde, Ismene.
Sticheln, Stacheln oder Straucheln?
Sticheln mache ich gerne.
Wirklich? So aus dem Hinterhalt?
Das ist mein gestörtes Verhaltensmuster.
Ach so.
Nee, nicht aus dem Hinterhalt. Bin ich vordergründig. Ich habe eine Zeit lang immer gedacht, das
wäre lustig. Habe dann irgendwann aber festgestellt, dass es doch viele Leute auch kränkt.
Der Grat ist schmal.
Vielleicht ein bisschen abgewöhnt. Aber manchmal Sticheln ist ganz nett.
Das stimmt.
Aber nur lieb gemeintes, liebevolles Sticheln.
Kann ich bestätigen.
Also alle da draußen, wenn Ismene euch stichelt, wisst ihr, es ist immer lieb gemeint.
Ja, nur liebevolles Sticheln.
Sebastian, letzte Runde für dich. Piken, Pokern oder Pilgern?
Piken. Ist das so wie Sticheln?
Ich denke, man verwendet es jetzt im deutschen Sprachgebrauch nicht so, sondern eher dann
so, wenn es halt wirklich piekt.
Piken.
Piken. Also Piken tun ja irgendwelche Wellen und Piken tun auch Nadeln.
Denkst du an den Piek mit E-A oder an den mit I-E?
Das ist ja jetzt, du hast es ja nicht gesagt, wie du es schreibst. Deswegen denke ich jetzt
nur an die Laute.
Du bist sehr gut. Du bist sehr frei assoziiert.
Und dann benutzen manche Fußballer auch noch die Pike. Ich glaube, ich nehme Pike, weil
es einfach so variabel ist.
Flexibler Typ.
Ja.
Okay. Also wenn ihr mal mit Sebastian pilgern wollt, müsst ihr also noch abwarten oder
daran arbeiten.
Schreibt uns gerne, falls ihr Interesse habt.
Gut.
Danke für eure Antworten.
Schön.
Ganz schön.
Gerne. Jetzt ist der Mori dran.
Oh ja, ich bin total aufgeregt. Ihr müsst wissen, Ismin und Sebastian sind immer super
vorbereitet und seit Wochen haben sie diese Fragen vorbereitet. Deswegen gehen die jetzt
auch wahrscheinlich total in die Tiefe. Ich freue mich.
Wir gucken mal.
Genau. Wir müssen mal Moritz ablenken, damit wir noch schnell die Oder-Fragen schreiben
können, weil es uns erst kurz vor der Aufnahme einfällt. Wer fängt an?
Soll ich mal anfangen?
Ja.
Moritz, es ist kein Glücksspiel. Womit fängst du an? Schere, Stein oder Papier?
Stein.
Ja?
Mhm.
Okay.
Ich kann dir aber nicht sagen, warum.
Also wenn ihr jetzt mit Moritz schnicken müsst, dann. Das ist unfair.
Wüsst ihr.
Dann werde ich euch antäuschen.
Vor allem du fällst aus dem Rest, aus der Alltags-Imperie würde ich sagen. Die meisten fangen mit Schere an, oder?
Weil es als Endes kommt.
Die Männer fangen ganz häufig mit Steinen an.
Echt?
Ganz häufig.
Das ist jetzt so eine Geschlechtsverordnung. Meinst du, das darf man?
Ja, das ist total plump, aber es geht ja auch nur darum, so ein bisschen die statistische Wahrscheinlichkeit über die 33,3 Prozent rauszutreiben.
Interessant.
Ja.
Mhm.
Okay. Moritz, wenn ich ein Virus wäre. Wäre ich ein netteres als Corona und wäre schon wieder verschwunden? Oder zumindest dahin gegangen, wo es niemanden so arg einschränkt?
Bist du so ein selbstloses Virus?
Kann ich nicht sagen, weil wahrscheinlich könnte ich mich nicht für Selbstlosigkeit entscheiden, wäre ich ein Virus, aber ich würde es versuchen.
Okay, es ist sehr ehrenwert.
Ich bin gespannt, ob du das noch durchhältst, wenn du noch ein Virus bist.
Mhm.
Okay, Moritz. Bist du, die Frage schlägt in eine ähnliche Kerbe, Corona müde, Lockdown genervt oder Pandemie verängstigt?
Corona müde trifft es, glaube ich, am ersten. Irgendwie genervt will man sich ja nicht zugestehen, wenn man denkt, okay, es ist ja alles notwendig.
Und müde trifft es, finde ich, eher, wenn man so denkt, oh Mann, ich will aber so gerne und es geht nicht.
Oh.
Wow.
Da ist ein ganz interessanter Zwiespalt zwischen, man würde so gerne einen draufmachen, Leute einfach wieder treffen und man weiß aber genau, es macht keinen Sinn, man soll es nicht.
Der macht einen schon müde, finde ich.
Auf jeden Fall.
Ein Säugling macht einen übrigens auch müde, by the way.
Über welchen Mechanismus?
Da sprechen wir jetzt nicht drüber.
Gut.
Okay. Also das ging jetzt wirklich in die Tiefe. Ich bin ganz, ich bin ganz geflasht.
Ismene hat es angekündigt, unsere Folge heute geht über selbstverletzendes Verhalten.
Wir haben die Thematik schon mal kurz angeschnitten.
Es ist eine ganze, ganze Weile her.
Ich glaube, es war damals im Rahmen der Folge zur Borderline-Persönlichkeitsstörung.
Jetzt haben wir der ganzen Thematik nochmal eine eigene Folge gewidmet.
Einfach, weil wir glauben, dass es ein wichtiges Thema ist und da nochmal ein bisschen in die Tiefe gehen wollen.
Zum Einstieg, wie eigentlich schon häufiger in diesem Podcast, selbstverletzendes Verhalten.
Was genau ist es eigentlich? Wie ist es definiert?
Also selbstverletzendes Verhalten, und das ist ganz interessant, weil wir lernen ja auch immer was bei der Vorbereitung.
Da bringen wir uns ein bisschen selbst auf den aktuellen Stand.
Wurde in der aktuellen Auflage des Diagnostic and Statistical Manual, also dem DSM-5, was wir schon oft erwähnt haben,
also dem Diagnosemanual der amerikanischen psychiatrischen Gesellschaft, erstmals als eine diagnostische Kategorie aufgenommen,
die aber nicht zu verwechseln ist mit einer Diagnose, sondern das ist jetzt erstmal eine Definition von selbstverletzendem Verhalten,
die dazu dienen soll, dass wir uns verhalten.
Das heißt, dass wir uns verhalten.
Das ist eine Definition von selbstverletzendem Verhalten, die dazu dienen soll, dass die Erforschung dieses Phänomens verbessert wird
und dass auch unter Umständen Therapieangebote, die speziell bei selbstverletzendem Verhalten helfen könnten, besser entwickelt werden können.
Also keine Diagnose, aber eben eine Bewertung.
aber eben eine
eine, wie nennt man das jetzt, eine Klassifikation und die besteht wie immer aus verschiedenen
Kriterien. Also ich versuche es nicht zu kompliziert zu machen, aber ich muss wahrscheinlich doch ein
bisschen vorlesen, damit es nicht zu ungenau ist. Also zum einen ist es so definiert, dass innerhalb
des letzten Jahres die betroffene Person an fünf oder mehreren Tagen sich absichtlich selbst eine
Schädigung der Körperoberfläche zugefügt hat. Und zwar wird das nochmal genauer beschrieben, also
in der Weise, die Blutungen oder Quetschungen oder Schmerzen wahrscheinlich macht. Genau, das muss
also ein bisschen Schweregrad erreichen, jetzt alleine an irgendwie einer Schorfkruste zu zupfen,
das würde nicht reichen, um das Kriterium zu erfüllen. Genau, und dann gehen gewisse Erwartungen
nach dieser Definition mit selbstverletzendem Verhalten einher. Und zwar,
zum einen eine Erleichterung von negativen Gefühlen oder von einem negativen Gedankenzustand zu erreichen
oder um zwischenmenschliche Schwierigkeiten zu lösen oder um gute Gefühle herbeizuführen. Und
dann gibt es noch weitere Aspekte dieser Definition, aber ich glaube, die sind teilweise überschneidend
mit Fragen, die wir später noch besprechen. Also ich würde es, glaube ich, erst mal dabei belassen.
Also an fünf oder mehr Tagen Selbstverletzung.
Das ist jetzt, wie gesagt, aber diese DSM-Klassifikation. Selbstverletzendes Verhalten
an sich kann natürlich auch eine einmalige Selbstverletzung sein. Also eine einmalige
Verletzung der Körperoberfläche mit verschiedenen Methoden. War das jetzt verwirrend?
Nee, ich glaube, man konnte sich das ganz gut vorstellen. Ich weiß nicht, ob man direkt vor
dem inneren Auge hat, warum genau man diese Definition in dem DSM 5 da so sammelt. Aber
ich glaube, du hast es ja schon gesagt, also dass es eben Möglichkeiten bieten soll,
vielleicht nochmal speziellere Diagnostik oder eben dann Therapie zu finden, ohne dass
man jetzt sagt, das ist ein Krankheitsbild an sich.
Genau, genau.
Okay.
Also wir können das vielleicht, wenn wir Zeit haben und Lust haben, später nochmal
ein bisschen besprechen, warum das sinnvoll sein kann oder auch nicht. Da gibt es auch
verschiedene Meinungen dazu, ob das sinnvoll ist, das so zu machen. Genau. Aber eben jetzt
behalten wir das erst mal im Kopf als eine Forschungs-Klassifikation.
Auf jeden Fall. Trotzdem, glaube ich, hat jetzt. Vielleicht hat jetzt jeder schon mal ein bisschen was im Kopf, um was es da geht. Zumal ja die
meisten von euch vermutlich irgendwie schon mal, sei es jetzt direkt oder irgendwie über
drei Ecken in Kontakt waren, vielleicht mit selbstverletzendem Verhalten. Ismene, du hast
jetzt gerade schon so ein bisschen angeteasert. Es geht um Verletzungen der Körperoberfläche
und du hast auch schon ein bisschen gesagt, in welche Richtung das gehen kann. Trotzdem
würde ich von euch gerne nochmal konkret hören, welche Formen von selbstverletzendem
Verhalten gibt es und was sind eben so mögliche Verletzungsmethoden? Was sieht man denn im
klinischen Alltag tatsächlich häufig?
Also ich fand es jetzt in der Vorbereitung ein bisschen schwierig, genau abzugrenzen,
was sind denn unterschiedliche Formen, da jetzt irgendwie valide Kategorien für zu finden. Leichter
ist es jetzt, auf die Methoden einzugehen. Da gibt es wirklich eine wahnsinnig große Vielfalt. Ich
kann einfach mal ein paar aufzählen, die so genannt werden. Also ich denke, sehr häufig
sind Schneiden und/oder Ritzen, was viele kennen, sich selbst zu verbrühen, sich selbst verbrennen an
der Haut. Ist häufig so, dass man sich selbst verbrüht, sich selbst verbrennt an der Haut. Das
ist häufig. Den Kopf anschlagen gegen Gegenstände oder gegen Wände oder ähnliches, sich selber
stechen und zum Beispiel auch an bereits vorhandenen Wunden zu manipulieren und die Wundheilung
zu verhindern, wäre auch ein selbstverletzendes Verhalten. Es gibt auch noch so Methoden, wo
es einfach schwieriger ist, das jetzt auch zu Suizidversuchen abzugrenzen. Zum Beispiel
auch das Springen aus geringen Aberhandlungen.
Oder auch Tabletteneinnahme in einer unkontrollierten Menge. Das kann natürlich in die eine oder in die
andere Richtung gehen und das ist dann im Einzelfall vielleicht auch nicht immer ganz klar. Deswegen ist
es glaube ich auch wichtig, sich zu merken, dass es da einen Überlappungsbereich gibt hinein in die
Suizidversuche. Du hast gesagt, es gibt ganz viele verschiedene Möglichkeiten und das Zweite,
was du gesagt hast, dass es Überlappungen gibt zur Suizidalität. Ich glaube,
da kommen wir später auch auf jeden Fall noch mal dazu. Aber dann kommt man vielleicht zu den
Punkt, den Ismene ja auch genannt hatte, dass eben die Absicht dahinter auch eine gewisse Rolle spielt.
Ich denke auch da kommen wir gleich noch mal genauer dazu. Jetzt ist glaube ich schon klar,
es gibt eine ziemlich große Bandbreite an Möglichkeiten, sich Selbstverletzungen oder
seiner Körperoberfläche, wie es in der Definition steht, Verletzungen zuzufügen. Jetzt wäre meine
Frage an euch, bei welchen psychischen Erkrankungen kommt es denn vielleicht einerseits typischerweise,
andererseits vielleicht in seltenen Fällen tatsächlich mal zu selbstverletzenden Verhalten?
Also erstmal ist ganz
interessant, dass gar nicht immer eine psychische Erkrankung bei selbstverletzendem Verhalten vorliegen
muss. Und das ist eben der Bereich, wo sich unsere Disziplinen auch so ein bisschen überschneiden,
weil gerade bei Kindern und Jugendlichen, beziehungsweise vor allem Jugendlichen,
Selbstverletzung auch häufig als vorübergehendes Phänomen auftreten kann,
ohne dass eine psychische Erkrankung vorliegt oder entsteht. Das heißt also, es ist
nicht immer eine Erkrankung dabei. Bei Erwachsenen ist es meistens so,
dass eine psychische Erkrankung zusammen mit der Selbstverletzung vorhanden ist. Und so der Klassiker
ist sicherlich die Borderline-Persönlichkeitsspürung, wo die Selbstverletzung einfach ein Symptom ist und
deswegen auch häufig bei der Erkrankung vorliegt. Und das führt aber auch zu dem Vorurteil,
dass es immer so wäre. Also, es ist nicht immer eine Erkrankung dabei. Bei Erwachsenen ist es meistens so,
oft in nicht-psychiatrischen Kreisen wird selbstverletzendes Verhalten gleichgesetzt
mit einer Borderline-Störung. Das deckt sich aber nicht mit unserer Erfahrung. Also,
wir sehen selbstverletzendes Verhalten bei, ich sage jetzt mal, allen möglichen psychischen
Erkrankungen, also insbesondere bei Depressionen, bei Trauma-Folgestörungen,
bei Substanzgebrauchsstörungen, bei Angststörungen und bei psychotischen Erkrankungen,
also das ist relativ breit gefächert. Auch noch wichtig sind die sogenannten
externalisierenden Störungen. Also, das sind auch Störungen, die viel, vor allem aber nicht
nur in der Kinder- und Jugendpsychiatrie eine Rolle spielen. Also, einerseits hyperkinetisch,
sprich ADHS und Störungen des Sozialverhaltens. Und wo es weniger bekannt ist,
aber auch gar nicht so selten aus der klinischen Erfahrung vorkommt, das sind die Autismus-Spektrum-
Störungen. Genau. Also, man kann aber festhalten, fast alle Gruppen von psychischen Störungen können
mit selbstverletzendem Verhalten einhergehen. Genau, so klingt es auch für mich jetzt,
wie du das sagst. Also, tatsächlich etwas, was bei ganz vielen verschiedenen Krankheiten
vorkommen kann oder eben im Kinder- und Jugendalter tatsächlich auch ganz ohne
psychische Erkrankung, was, glaube ich, auch noch mal ganz relevant ist. Das ist jetzt tatsächlich
etwas, was wir, also, wir sehen häufiger auch mal Kinder und Jugendliche mit eben entweder verheilten
Narben oder auch jetzt akutem selbstverletzendem Verhalten. Und man merkt schon auch, gerade bei
den Eltern löst es trotzdem eine ganz große Unsicherheit aus. Und ich glaube schon, dass immer
sofort eine gewisse Angst mitschwingt, dass eben eine schwere psychische Erkrankung dahinter steckt.
Und da muss man relativ viel aufklären, eben aber auch gut eruieren, was jetzt bei dem Kind akut
sozusagen dahinter gesteckt hat. Jetzt hast du eben gesagt, es kommt bei ganz vielen verschiedenen
psychischen Erkrankungen gerade an. Ja, es kommt bei ganz vielen verschiedenen psychischen Erkrankungen gerade an.
Auch bei den Erwachsenen dann vor. Ist es denn was grundsätzlich, was ihr auch häufig seht in
der Erwachsenenpsychiatrie oder ist es eher eine Rarität, sage ich mal überspitzt?
Nee, ich würde schon sagen, dass das durchaus häufiger vorkommt. Also die Zahlen, die ich jetzt
gefunden habe, da haben die Studien die Häufigkeit von ein bis zwei Prozent der Bevölkerung auf bis
zu 14 Prozent, was bestimmt eine sehr hohe Zahl ist, aber das kommt so ein bisschen auf die Methodik
der Studie an, geschätzt. Ich habe auch gefunden, dass es sehr viele Menschen, die sich in der
Studie befinden, dass zum Beispiel zehn Prozent der Jugendlichen über 14 Jahre schon mal
selbstverletzendes Verhalten gezeigt haben in ihrer Zeit. Man schätzt auch den Gipfel der
Selbstverletzung so auf die Zeit in der Pubertät. Mädchen sind häufig ein bisschen früher dran als
Jungs, etwa zwei bis drei Jahre, ja auch grundsätzlich mit der Pubertät und verletzen sich
auch ein bisschen häufiger meistens und auch anders als Jungs. Mädchen zum Beispiel schneiden häufiger,
Jungs greifen häufiger zu Verbrennungen oder eben auch Schlägen gegen sich selbst.
Aber auch das Spannende, das heißt, es ist eigentlich tatsächlich ein Phänomen, was eher das jüngere Alter
betrifft und gar nicht mal so unbedingt jetzt den höheren Altersbereich, aber vermutlich kann es
trotzdem in allen Altersklassen auftreten, oder? Ja, also es gibt selbstverletzendes Verhalten auch
bei Erwachsenen. Ich habe interessanterweise zu der Frage, ob wir es häufig sehen, auch noch Zahlen,
gefunden zur Prävalenz in stationären Jugendlichen war das in dem Fall. Da ist es nämlich nochmal
deutlich häufiger, also 20 bis 50 Prozent. Und ich habe jetzt leider keine Zahl für die Erwachsenen,
dazu gibt es bestimmt aber auch Untersuchungen. Ich würde mal behaupten, dass das nicht so hoch
ist wie bei den Kindern und Jugendlichen, aber schon auch in der Klinik sehr, sehr oft.
Aber stationär bei den Jugendlichen, Kinder- und Jugendpsychiater stationär, oder?
Genau, genau.
Nicht allgemein kinderheilkundlich so, sondern schon der Kinder- und Jugendpsychiater.
psychiatrischen Setting und außerdem gibt es auch Hinweise darauf, dass es zum Beispiel bei HeimbewohnerInnen ein erhöhtes Auftreten von selbstverletzendem Verhalten gibt und genau, aber also insofern nicht nur bei Jüngeren ist es öfter, sondern auch bei klinischen, also stationären Populationen.
Also einfach gerade auch eben dann in der Klinik oder in der psychiatrischen Klinik ein wichtiges Thema. Jetzt hat Sebastian vorhin schon gesagt, die Grenze zur Suizidalität, also sozusagen Selbstmordgedanken, die verschwimmt partiell.
Vielleicht könnt ihr jetzt einfach nochmal wiederholen, welche Ziele können denn für die betroffenen Menschen hinter einem selbstverletzenden Verhalten stecken? Also was sozusagen denkt man sich oder was löst ein selbstverletzendes Verhalten in den betroffenen Personen aus und wie kann ich es dann eben auch von,
von Suizidalität abgrenzen?
Also eine wichtige Definition von selbstverletzendem Verhalten ist ja, dass die Intention eben nicht suizidal ist, dass es eben sich nicht um einen Suizidversuch handelt und deswegen geht es bei den Selbstverletzenden, beim selbstverletzenden Verhalten häufig eher darum, Affekte zu regulieren, zum Beispiel negative Gefühle loszuwerden oder sich davon mehr zu distanzieren, um andere zu erinnern.
Um Anspannung abzubauen, um Verzweiflung in den Ausdruck zu gehen, um zum Beispiel auch Selbstentfremdungsgefühle jetzt so im Rahmen von dissoziativen Symptomen zu kontern oder auch manchmal tatsächlich als Hilferuf bei zwischenmenschlichen Konflikten. Also es kann auch ein sehr, sehr stark nach außen gerichtetes Verhalten sein, was auch dem Umfeld teilweise was signalisieren soll. Ich denke, man kann es zuverlässig nicht über einen Kamm scheren.
Und dieser Graubereich zwischen Suizidalität und selbstverletzendem Verhalten. Ich finde es schwierig, da so wirklich genau zu unterscheiden. Kann ich auch aus meiner eigenen Arbeit bestätigen, dass wir häufig den Fall auch haben, wo wir dann versuchen herauszufinden, ist das jetzt wirklich ein klarer Suizidversuch gewesen? Haben wir jetzt irgendwie eine Suizidalität vorliegen, die auch natürlich eine andere Therapieentscheidung nach sich ziehen würde? Und das ist manchmal verflucht schwierig und irgendwie auch nicht so richtig zuverlässig und zufriedenstellend abzulegen.
Und ich habe auch häufig den Eindruck, dass es Betroffene im Nachhinein gar nicht mehr selber so genau sagen können. Einfach um so ein bisschen die Tiefe des Graus auszuleuchten.
Und der Graubereich hat ja noch eine andere Komponente, nämlich so eine statistische. Und zwar ist einfach zahlenmäßig selbstverletzendes Verhalten gilt als Risikofaktor auch für suizidale Handlungen.
Vor allem dann, wenn ich mich richtig erinnere.
Wenn die Schmerzwahrnehmung deutlich verändert ist bei der Selbstverletzung. Also es gibt so ein paar Punkte, die noch mit eingrenzen, ob die Selbstverletzung Risikofaktor ist. Aber selbst wenn es viele Selbstverletzungen gab, die klar nicht in suizidaler Absicht waren, dann kann es eben trotzdem leider sein, dass das Risiko erhöht ist.
Und auch deswegen sind wir halt ständig mit dieser Abgrenzung beschäftigt, weil man es im Endeffekt dann auch immer wieder aufs Neue.
Wenn man es herauskriegen muss, war es jetzt dieses Mal vielleicht doch in suizidaler Absicht.
Auch nochmal ein entscheidender Punkt, gerade bei Menschen, die sich vielleicht häufiger da wiederkehren, selbst verletzen, dann eben so, dass man nicht jetzt auch beim 20. Mal sicher sagen kann, das war jetzt nicht mit suizidaler Absicht, sondern man muss es im Zweifelsfall jedes Mal wieder neu erfragen.
Wenn eine Person nicht vielleicht gleich ganz klar sagen kann, okay, es war so wie die letzten Male oder es war wieder zum Druckabbau oder sowas.
Dann kann man das immer wieder abklären. Wir haben schon häufiger hier drüber gesprochen, euer diagnostisches Handwerkszeug sozusagen ist der psychopathologische Befund beziehungsweise die Anamneseerhebung.
Jetzt meine Frage ist denn, das selbstverletzende Verhalten ganz normaler Teil des psychopathologischen Befundes, macht man das oder spricht man die Thematik an, wenn man eindeutig sieht, jemand hat zum Beispiel Schnittwunden am Arm oder wie kommt ihr zu der Thematik in einem normalen Erstaufnahmegespräch, sage ich mal?
Das wäre es wahrscheinlich. Standardmäßig Bestandteil des psychopathologischen Befundes. Also ich glaube aber, mein Eindruck, dass das oft nicht so praktiziert wird, dass das wirklich bei allen Patienten gefragt wird, sondern das hängt schon sehr von der Problem- oder von der Fragestellung ab.
Das wäre wahrscheinlich aber ziemlich interessant, das bei allen zu fragen.
Ja, ich glaube schon auch, dass es eine hohe Dunkelziffer gibt, weil selbstverletzendes Verhalten den Betroffenen oft eher sehr unangenehm und peinlich ist und das gehört nicht zu den Sachen, die spontan erzählt werden, sondern oftmals wirklich nur auf Nachfrage.
Also ich versuche das mir aktuell so ein bisschen anzugewöhnen, das öfter auch mal standardmäßig zu machen und ich finde, man bildet sich aber ein auch mit ein bisschen Erfahrung.
Ja, zumindest öfter dran zu denken bei bestimmten Konstellationen. Also oft wird überraschenderweise für mich dann auch selbstverletzendes Verhalten berichtet, wenn ich danach gefragt habe, auch wenn ich gar nicht jetzt einen hohen Verdacht hatte, dass es vorhanden ist.
Oder wie geht es dir, Sebastian?
Also ich muss auch gestehen, dass ich das nicht gewissenhaft und regelmäßig abfrage, sondern mich da schon auch häufig von meiner Intuition leiten lasse, wobei ich da auch einschränkend sagen muss.
Und dass die meisten Patientenkontakte, wo es dann auch um eine Therapie geht, da habe ich noch Zeit, um das im späteren Verlauf zu erfragen.
Und häufig kommen wir auch sehr schnell zu dem Thema Emotionsregulationsstrategien und da ist dann selbstverletzendes Verhalten häufig eben auch ein Thema, wenn das der Fall ist.
Aber ich denke schon auch in einem diagnostischen, einem einmaligen Gespräch ist es wahrscheinlich sinnvoll, es standardisiert so anzusprechen, weil ich mir gut vorstellen kann, dass es häufiger ist, als man das von seiner Hinterseite sieht.
Wenn man das von seiner Intuition her einschätzen würde.
Dann muss man sagen, einfach tatsächlich häufig Zufall so und häufig auch eher unangenehm für die betroffenen Kinder und Jugendlichen, sodass man dann auch schauen muss, wie findet man sozusagen aus diesem, vielleicht kommt jemand mit Bauchschmerzen und es kommt dann so nebenbei raus zu einem guten Umgang damit, auch wenn die Eltern dabei sind, dass man erstmal versuchen kann, das so mit einem Kind oder einem jugendlichen Menschen zu thematisieren, dass es bei uns wahrscheinlich auch gar nicht schlecht wäre, wenn es irgendeinen Mechanismus gäbe, das standardmäßig abzufragen.
Ich glaube nur leider tatsächlich organisatorisch ganz schwierig da einzupflegen, weil wir eben ja häufig auch für Gespräche.
Ich glaube, dass wir den Gesprächsanteil nicht so viel Zeit verordnet haben, so blöd das vielleicht ist.
Jetzt kam schon raus, ist mir nur das angekündigt, wir haben eine interdisziplinäre Folge, ich glaube, das hat man schon verstanden, jetzt ist es wahrscheinlich aber trotzdem ja so, dass die Kinderheilkunde und die Psychiatrie nicht die einzigen Disziplinen, die daran beteiligt sind.
Wie ist es denn so aus eurer klinischen Erfahrung, gibt es da noch andere Fachabteilungen, die eventuell mit ins Boot geholt werden müssen bei selbstverletzendem Verhalten?
Also wir brauchen ja natürlich die Leute, die die Wunden versorgen.
Und das sind häufig die Chirurgen, mit denen wir dann Kontakt haben, wobei die sich auf eine gute und häufig möglichst narbenfreie Wundversorgung konzentrieren und dann den Rest natürlich auch uns überlassen.
Und das ist sicherlich auch sinnvoll, weil es natürlich ein schwieriges Thema ist.
Ich denke, wir haben schon ausführlich besprochen, dass die Pädiatrie und die Kinder- und Jugendpsychiatrie, wenn man sie jetzt als andere Disziplin nochmal daneben stellen wollte,
auch mit beteiligt sind.
Ansonsten kann es natürlich eben auch jetzt nicht scharfes selbstverletzendes Verhalten geben, also durch Intoxikation oder ähnliches.
Dann kann es auch sein, dass wir dazu in Kontakt mit Internisten oder Anästhesisten auf Intensivstationen kommen.
Man kann sich dann schon so ein bisschen vorstellen, dass dann natürlich viele Bereiche der Medizin tangiert werden.
Aber so ganz primär ist es was, was schon in der Nachbearbeitung dann psychiatrisch oder Kinderjugend.
Psychiatrisch oder psychotherapeutisch stattfindet.
Oder auch teilweise eben dort, wo selbstverletzendes Verhalten einfach auch häufig gesehen wird, zum Beispiel in Heimen oder in Einrichtungen,
die sich dann auch nicht mit jedem selbstverletzenden Verhalten bei uns vorstellen,
sondern wo es viele Kinder- und Jugendpädagogen oder ErzieherInnen auch schon einfach so managen können.
Ganz relevant, genau. Also dass eben die Akutversorgung von den Auswirkungen von selbstverletzendem Verhalten ist sicherlich was,
was eben auch noch andere Fachdisziplinen.
Auf den Plan ruft sozusagen, gerade eben, wenn man Sachen nähen muss.
Aber nichtsdestotrotz bleibt sozusagen das zugrunde liegende Problem ja eher in den oder fällt eher in den Bereich Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie.
Zumindest, dass man einmal eben die dahinterstehende Absicht erfragt und eben sich auch um eine mögliche Therapie kümmert.
Was wunderbar überleitet zu meiner nächsten Frage und zwar, welche Therapie braucht denn jetzt selbstverletzendes Verhalten?
Ist mir hat am Anfang gesagt, dass gerade bei Kindern und Jugendlichen ist es gar nicht unbedingt so,
dass hinter dem Verhalten.
Verhaltensmuster eine psychische Erkrankung steckt, deswegen die Frage, muss man das überlegen?
überhaupt therapieren? Wenn ja, wie muss man es eben
oder sollte man es therapieren? Was hilft
betroffenen Menschen? Also es wäre jetzt natürlich
spannend, wenn wir noch eine
Kinder- und Jugendpsychiaterin
im Boot hätten, weil
also das, was ich jetzt zu dem
Thema bei Kindern und Jugendlichen sagen kann,
das ist halt angelesenes
Wissen.
Also wie gesagt, dadurch, dass nicht immer
eine psychische Störung mit
dabei ist, brauchst du jetzt nicht bei
jeder Selbstverletzung
im Kinder- und Jugendalter automatisch
eine komplette Psychotherapie.
Was aber auch nicht heißt,
dass das Problem ignoriert werden
sollte, sondern
das ist sicherlich der
erste Schritt, das erstmal im familiären
oder privaten Kontext
anzusprechen, das Problem.
Und ich habe auch gesehen, dass es da
im Internet Seiten
gibt, wo zum Beispiel für Eltern,
die ja oft gar nicht
spontan wissen können, wie man jetzt damit
umgehen soll,
wo es so ein paar Tipps gibt, so ein paar
Do's und Don'ts, wie sollte man
darauf reagieren, wie sollte man besser
nicht reagieren.
Kurzes Beispiel, man
sollte zum Beispiel nicht, wenn man
sieht, dass das Kind sich selbst verletzt hat,
Fragen stellen
wie, sag mal, bist du jetzt verrückt?
Kann ich jetzt die Psychiatrie bringen?
Weil das ist
invalidierend und nicht
hilfreich und öffnet auch irgendwie
keine gute Atmosphäre für ein offenes
Gespräch. Und genauso gibt es
dann aber auch Empfehlungen,
wie man darüber sprechen könnte
und wie man vielleicht die Gefühle
des Kindes ernst nehmen kann
beziehungsweise ihm das auch zeigen kann.
Genau, also das wäre der erste
Schritt und dann geht es ja erstmal darum, herauszufinden,
was ist da los?
Wie kam es zu der Selbstverletzung, damit
man überhaupt herausfinden kann?
Ist es eher jetzt ein
soziales Problem? Gibt es
irgendwie in der Schule da
Gruppendruck oder gibt es
Mobbing?
Oder gibt es doch Hinweise auf
eine psychische Erkrankung, sodass man
Kinder- und Jugendpsychiater braucht?
Genau, also da wäre erstmal
weiteres Eroieren
empfehlenswert.
Und dann
habe ich zufällig noch gelesen zu den
Therapien bei den
jüngeren Menschen. Also da ist
am besten untersucht.
Leider wieder eine Verhaltenstherapie.
Ich kann es
nicht anders sagen.
Weil wir schon öfter einen Rüffel gekriegt haben,
dass wir die Psychoanalysen. Also nicht so in den Fokus nehmen.
Genau. Und es handelt sich hier um
die DBTA, also
die Dialektisch-Behaviorale-Therapie
für Adoleszenten.
Aufmerksame Hörer wissen vielleicht,
dass das gleichzeitig die
Therapie für Borderline-Störungen
ist.
Da geht es halt zu großen Teilen aber auch
um das Management von
starken Gefühlen, Anspannung und
eben den Abbau von Selbstverletzung.
Und dann wurden hier noch
andere Therapien erwähnt.
Mentalisierungsbasierte
Therapie für Adoleszente,
kognitive Verhaltenstherapie
allgemein.
Genau. Und dann gibt es noch ein
Cutting-Down-Programm. Aber dazu kann ich
gar nicht viel mehr sagen. Also da gibt es
so ein paar Ansätze. Aber
eben so
Therapieprogramme jetzt für
Selbstverletzende, das Verhalten allgemein
gibt es eben, ich will jetzt nicht sagen
gar nicht, weil ich habe bestimmt nicht alles gelesen,
was es gibt. Aber da gibt es eben
noch eher wenig.
Wobei das
bei Erwachsenen eben sicher auch sinnvoll
ist, schon gut drauf
zu schauen, was ist denn da
die mögliche verursachende
psychische Erkrankung. Weil wie gesagt, da
ist es eben selten so, dass Selbstverletzung
ganz alleine ohne eine psychische
Störung auftritt. Und dann
kann es natürlich auch Vorteile haben, da
störungsspezifisch zu behandeln.
Also die Depressionen und Antidepressiv
behandeln, die Borderline-Störungen
passend behandeln, ADHS passend
behandeln.
Klingt insgesamt wieder
tatsächlich nach Psychotherapie
im Mittelpunkt. Jetzt wollte ich noch kurz
nach Medikamenten fragen. Sebastian, willst du vorher was
anderes sagen? Ja, genau. Ich habe
auch noch so ein bisschen eine Aufstellung gefunden, wie
eben so die Kernelemente der Psychotherapie
aussehen können. Und wollte vielleicht
auch noch kurz darauf eingehen, weil ich das schon spannend finde,
dass zum Beispiel ein ganz wichtiger Faktor ist,
dass es ganz klare Absprachen gibt, wie das
Vorgehen bei selbstverletzendem Verhalten eben
aussehen soll. Oder auch bei
Suizidalität, dass das wirklich
definiert ist und dass allen Handelnden
Personen da klar ist, was sie jetzt zu tun haben.
Es geht natürlich auch darum,
dass zunächst mal eine
Motivation aufgebaut wird, was
zu verändern und sich auch
unter Umständen behandeln zu lassen, wenn man eben sagt,
das ist ein behandlungsbedürftiges
Problem. Dann geht es auch
darum, zu verstehen, was hat man da eigentlich?
Was sind denn Faktoren,
die das jetzt bei mir
auslösen können?
Woher kommt das eigentlich?
Verständnis für die eigene
Schwierigkeit, also im Grunde
aus Psycho-Edukation zu erlernen
und dann auch andere
Handlungs- und
Konfliktlösungsstrategien zu etablieren,
Alternativen dazu zu finden,
zu diesem selbstverletzenden Verhalten.
Und es wird eben ganz klar
auch empfohlen, natürlich psychische
Störungen mit zu behandeln.
Das finde ich aber sehr gut, dass du das sagst,
weil die Frage ist ja schon auch,
warum sollte man überhaupt
denn aufhören, sich selbst zu verletzen?
Wo ist denn das Problem?
Geht die Frage an mich?
Die Frage geht draußen an euch.
Ismene guckt vielsagend in die Kamera
und damit
endet dieser Podcast, wenn die
Fragen beantwortet werden.
Okay, dann sage ich es euch selber.
Das ist natürlich eine höchst individuelle Frage,
deren Beantwortung
eben auch ein großer Bestandteil
der Therapie ist es eben, was Sebastian gesagt hat,
der Teil auch des Motivationsaufbaus,
weil oft ist es am Anfang gar nicht
unbedingt gegeben, also
oft ist da eher ganz große Angst
mitgekommen.
Es wird verbunden, die Vorstellung, das aufzuhören.
Also
es wird ja auch an verschiedenen
Stellen so der Vergleich gemacht,
selbstverletzendes Verhalten und Sucht,
oder es wird gesagt, die Selbstverletzung wird zu einer
Sucht. Das heißt,
jeder, der ein bisschen
süchtiges Verhalten kennt, sei es jetzt
Kaffee, Zigaretten, Sport,
der
kann sich vorstellen, was das für
Impulse auslöst, wenn jetzt jemand kommt
und sagt, ja, das ist aber nicht so gut,
lass das mal.
Das sagt man ja klar, okay.
Achso,
kein Problem, dann höre ich auf.
So ist es nämlich nicht.
Eben
oft hat
das ja eine extrem wichtige Funktion
für die Betroffenen,
zumindest, wenn es schon
sehr lange praktiziert wird
und genau,
also ich weiß nicht mehr genau, worauf
ich hinaus wollte, aber das ist wichtig,
was Sebastian gesagt hat.
Obwohl ich glaube, da kommt auch was zu vielleicht
nochmal zu Tage, was wir hier sicherlich auch schon
sehr häufig besprochen haben, weil ja
dieses Dilemma
zwischen es löst was in mir aus oder es hilft
mir vielleicht in den Situationen, aber auf der anderen Seite
auch eben Schamgefühl, was Sebastian vorhin angesprochen
hat und eben so dieses
vielleicht Wissen, das ist eigentlich was nicht Gutes,
das kann ja schon sicherlich einen ziemlichen
Leidensdruck auslösen und ich denke, Leidensdruck ist
letztendlich ja immer schon auch eine Motivation, was dagegen
zu tun und
was glaube ich auch schon relevant ist, wenn
selbstverletzendes Verhalten Ausmaß annimmt,
dass zum Beispiel chirurgische,
psychologische Therapie notwendig
wird, dann kann man ja schon auch sagen, okay,
das ist einfach auch eine Schädigung des Körpers,
auch wenn man das dann vielleicht unter chirurgischen
Maßnahmen so hinkriegt, dass da jetzt keine riesigen Narben
entstehen, ist es ja schon was,
was ja, wenn die nicht richtig versorgt werden, können sich
Narben infizieren oder Wunden infizieren und das kann natürlich
zu weiteren Problemen führen. Also ich denke,
da sind schon immer wieder auch Punkte,
wo das dann einfach potenziell
natürlich, aber trotzdem
gefährlich werden kann, eben für die körperliche Gesundheit
und natürlich auch für die seelische.
Also es sind ganz viele Punkte,
aber ich glaube,
dieser Punkt, was du gesagt hast, Mene,
dass das sich für die Betroffenen erstmal
auch häufig gut anfühlt, das ist, glaube ich,
das macht es einfach viel schwieriger auch,
da einen Zugang zu zu finden.
Ja, genau. Du hast nämlich
das Stichwort gebracht, das ich dann
vergessen hatte, wo ich hinaus wollte.
Ich kann auch nicht mehr
sprechen, nämlich eben
Scham und das ist nur einer
von vielen langfristigen negativen
Konsequenzen. Und eben
so funktioniert das ja auch in der Verhaltenstherapie,
dass wir versuchen, das Verhalten so zu analysieren,
dass so die auslösenden
Faktoren und die Gefühle, die da mit einer Rolle
spielen, analysiert werden,
dann das Verhalten an sich und dann eben auch
die Konsequenzen. Und da eben
der wichtige Unterschied, die kurzfristigen,
die dann oft
erstmal gut sind und
die langfristigen, die dann oft in so einen
Teufelskreis führen, also
wenn jetzt auslösend
Selbsthass und Selbstwertprobleme waren,
dann mag das sein, dass so eine
Selbstbestrafung kurzfristig eine Erleichterung
ist, aber langfristig wird dadurch eben
gerade das Selbstwertproblem, weil man es
wieder nicht geschafft hat, verstärkt.
Genau. Komplexe
Teufelskreisspirale.
Haben wir jetzt alles
dazu gesagt, was gesagt
werden sollte?
Also was ich noch sagen wollte,
ist, weil gerade dieses Thema, was Ismene
mit der Motivation angesprochen hat, ist total
wichtig und ich glaube, es ist einfach auch eine wahnsinnig hohe
Hürde, damit aufzuhören. Das unterschätzt man
manchmal gerne. Und dass es sehr
wichtig ist, danach auch ein sehr breites und
ein sehr individuelles Angebot an Ersatzhandlungen
zu machen. Das ist auch was, was
Zeit braucht und Zeit braucht, um
sich zu etablieren und einzustellen
und Ähnliches. Und man da auch
Geduld haben sollte. Und ich hatte
auch immer so ein bisschen in Therapien
den Drang verspürt,
dann mit ganz vielen Strategien anzukommen,
die ich dann anbiete. Und dann müsste es doch funktionieren
und so. Und ich glaube, das ist tatsächlich
ein kritischer Punkt, an dem man
Angebote machen muss,
wenn B noch die Motivation vielleicht
nicht so gut ist und man sehr viel versuchen muss,
therapeutisch Vorsprung.
das Vertrauen zu erwirken.
sage ich jetzt mal. Sehr schöne
Überleitung, Sebastian. Das wäre nämlich auch meine nächste
Frage und zwar das mit den Ersatzhandlungen.
Ich erinnere mich dunkel an die
Borderline-Persönlichkeitsstörungsfolge.
Da haben wir, glaube ich, zum Beispiel zum Druckabbau
über so einen Ball oder so gesprochen.
Kann das sein? So Igelbälle?
Jetzt wollte ich euch einfach mal fragen, was ist denn
typischerweise so ein Angebot? Was kann man
den Leuten tatsächlich anbieten oder was kann man
vielleicht erlernen als betroffene Person?
Was man sozusagen einsetzen
kann anstatt der Selbstverletzung?
Also
ich würde das nochmal ein bisschen anders
formulieren, glaube ich, weil
wir wissen, wir müssen im Hinterkopf behalten,
es gibt verschiedene Arten von Selbstverletzungen
und der
Igelball zielt ja so ein bisschen
in Richtung Skills ab
und Skills sind Strategien,
die eben auch
ein wesentlicher Bestandteil dieser
DBT-Behandlung darstellen.
Die sind jetzt ja nicht unbedingt
nur dafür gedacht, um
Selbstverletzungen zu vermeiden, sondern da geht
es so,
ein Stück weit um die Regulation von
extremen Gefühlszuständen und
Anspannungszuständen.
Ich würde nicht sagen, dass
man das definieren kann als
Ersatzhandlung für Selbstverletzungen, weil das ist eigentlich
nicht das Ziel, die Selbstverletzung
zu ersetzen mit einer weniger schädlichen
Selbstverletzung, sondern das Ziel ist ja eigentlich
eine funktionale Strategie, die einen
nicht schädigt, zu erlernen.
Und vorher
oder anders,
wir können über diese Skills jetzt sprechen,
aber wir müssen später auch noch über was anderes
sprechen, da müsst ihr mich dran erinnern.
Gar kein Problem,
du, es ist gar kein Problem.
Dann sprechen wir jetzt über die Skills, bevor
wir es mir nicht dran erinnern, dass wir noch über was anderes sprechen.
Ja, genau.
Also dieses Skills
in Richtung
Igelball kann man nochmal unterteilen.
Also wir reden jetzt erstmal von den
Stresstoleranz-Skills, die wirklich
bei höchster Anspannung, höchsten
Selbstverletzungsdruck dann in dem Zuge
oft auch oder intensivstens,
tiefsten, unangenehmen Gefühlen
Einsatz finden. Und das
sind Sachen, die einfach einen starken Reiz
setzen. Die können
alle Sinnesmodalitäten betreffen
im Endeffekt. Was ich
oft als wirkungsvoll erweist, sind so Sachen
wie Wechselduschen, heiß-kalt
oder man
taucht den Kopf in kaltes
Wasser, das man ins Waschbecken gelassen hat.
Oder man rennt Treppen hoch und runter,
bis man sich weniger angespannt fühlt.
Also irgendwie intensive Bewegung.
Dann zum Beispiel
scharfe Sachen essen, sowas wie
Chili-Schoten oder Chili-Raketen.
Das sind sehr scharfe Gummibärchen.
Kann gut funktionieren.
Oder man macht sich
irgendwie ein Steinchen in den Schuh und läuft
da drauf rum, wobei das auch schon wieder, je nach
Steinchen, grenzwertig selbstverletzend
sein könnte. Genauso
ist es bei diesem Gummiband, was man
glaube ich auch öfter mal sieht,
in verschiedenen klinischen Kontexten, nicht nur
in der Psychiatrie, dass die Leute dann so ein
Gummi sich immer an den Arm schnalzen.
Also manche von diesen
Strategien können natürlich so auf die Spitze
getrieben werden, dass die auch schon
wieder selbstverletzend sind. Aber eben
so ist es nicht gedacht, sondern das soll
am besten eine Kombination aus verschiedenen
Reizen sein, die
dann kombiniert angewendet einen nicht
schädigen, aber den
Selbstverletzungsdruck regulieren.
Genau.
Das ist das eine.
Also nicht Ersatzhandlungen, aber
quasi Handlungen, die den Druck
reduzieren. Und was
glaube ich aber total wichtig ist,
damit man überhaupt
längerfristig
nicht immer in diese Spirale
reinkommt von Druck und Skills, ist,
dass man Achtsamkeit lernt.
Also dass man
überhaupt lernt,
rechtzeitig zu begreifen, wie man sich fühlt,
weil das ist ja was, womit Personen,
die sich selbst verletzen, auch öfter mal
ein Problem haben, sage ich mal. Also nicht
ganz pauschal, je nach Ursache
der Selbstverletzung.
Aber das ist eben auch ein wichtiger Bestandteil der
Therapie, also das zu üben,
rauszufinden,
wie angespannt bin ich gerade oder
was für ein Gefühl habe ich gerade?
Wie geht es mir gerade? Muss ich jetzt
vielleicht schon was tun, damit
ich gar nicht erst kurz vor der Selbstverletzung
am Ende stehe, sondern
damit ich stabiler
bleibe? Klingt auch so ein bisschen
so, als würden in dem Fall Achtsamkeit und
Psycho-Edukation so verschmelzen, oder?
Weil es da ja schon auch um ein Verständnis
der eigenen, vielleicht nicht
jetzt Krankheit dann in jedem Sinne, aber
Gefühlslage und so
geht, oder? Ja, absolut.
Das ist ja der Faktor, der auch
ganz häufig so etiologisch
diskutiert wird, also so als
ursächlich für eine Störung,
die selbstverletzendes Verhalten beinhaltet,
dass es eben so eine
Alexithymie gibt, eine Unfähigkeit,
eigene Gefühle wahrzunehmen, einzuschätzen.
Und dann staut
sich da eben so ein Handlungsdruck auf,
der ganz unverstanden ist und daraus
resultiert eben sehr häufig selbstverletzendes Verhalten.
Ich denke, das ist
zu einfach, um die große Bandbreite von
selbstverletzendem Verhalten komplett zu erklären,
aber man kriegt so ein bisschen den Eindruck davon,
dass es viel eben darum geht,
um Emotionserkennung
und um Emotionsregulation.
Und ihr habt jetzt alle was fürs
nächste Pubquiz via Skype, Zoom oder
sonstigen Onlines gelernt, also
wie heißt Alexiathymie?
Alexithymie.
Gute Frage, kann keiner beantworten.
Und genau, Sebastian hat nämlich gerade noch
das andere Wichtige gesagt,
Emotionsregulation, also
Ernstsamkeit, Emotionsregulation.
Und dann die
Stresstoleranz-Skills, weil das
Emotionsregulation ist ja was, was wir
in der Regel lernen, ohne dass
wir uns da groß bemühen müssen, weil
das lernt man im Kleinkindalter durch die Erziehung.
Und das ist
auch so ein Punkt, wo nochmal wichtig
wird, wie wichtig das soziale Umfeld auch ist
bei Selbstverletzungen, weil manche Leute
lernen das halt in ihrem sozialen Umfeld
einfach nicht, Gefühle zu regulieren.
Und dann werden die halt so unerträglich
stark.
Und das Gute ist, man kann
das aber auch nachholen
und kann das dann später lernen,
auch wenn man schon erwachsen ist.
Und das ist dann halt eben mit einer
bewussten Entscheidung und einer Anstrengung
verbunden. Genau, aber Emotionsregulation
ist sicher essentiell.
Sehr gut.
Dann schließen wir vielleicht jetzt diesen ganzen
Blog so, was kann man
therapeutisch tun im Kontext Selbstverletzungsverhalten
und kommen fast schon zu den
letzten Fragen. Und zwar wieder mal so ein bisschen
seit langem, habe ich das Gefühl,
auf den Alltag unserer Hörerinnen und
Hörern gemünzt. Wenn man jetzt bei einer
Freundin oder einem Freund
bemerkt, dass sie
oder er sich selbst verletzt oder
vielleicht auch mal selbst verletzt hat,
was ist eure Empfehlung für da draußen
in Anführungszeichen? Sollte man die Person
darauf ansprechen? Und wie ist es vor allen Dingen so
bei, wenn man jetzt, sage ich mal, Anfang
20 ist, vielleicht trifft man sich im Kontext
Uni, wenn man sich wieder treffen darf
und man sieht zum Beispiel alte Narben
an den Händen. Würdet ihr sagen, ist das
was, was man ansprechen sollte, wenn die
Beziehung gut genug ist oder eher so, wenn
jemand das offensichtlich
eher jetzt hinter sich gelassen hat, dann
sozusagen hinten runterfallen lassen?
Ich weiß, es gibt bestimmt nicht den einen
Weg, aber vielleicht so grundsätzlich.
Also ich finde es an der Stelle wahnsinnig spannend,
jetzt mal Betroffene zu hören und einfach
deren Antwort auf diese Frage
abzuwarten. Das ist wahrscheinlich das Relevanteste, das stimmt.
Ja, ich glaube, ich kann mir gut
vorstellen, dass es einen großen Teil
von Menschen gibt, die jetzt antworten würden,
ja, natürlich, man kann man mich darauf ansprechen,
man kann auch mit mir darüber reden. Die meisten
Leute gucken bewusst weg, die meisten Leute
betreiben
schon eine Art Shaming, indem sie das bewusst
ausklammern und wenn man vielleicht
ein sehr enges Verhältnis hat und es wird nie
thematisiert, dass jemand völlig vernarbte
Arme hat, meinetwegen, ja,
dann ist das vielleicht irgendwo bis zu einem gewissen Punkt
für eine Freundschaft schon wieder inadäquat.
Auf der anderen Seite fände
ich es jetzt auch nicht angemessen, sich in der
Vorlesung natürlich irgendwie neben jemanden zu setzen
und dann direkt auf die Narben loszuquatschen, weil
es ja schon auch was Intimes
und auch Verletzendes haben
kann. Trotzdem,
ich kann mir beides vorstellen. Ich glaube,
wichtig ist einfach so ein bisschen
zu wissen, ist das jetzt gerade was
Akutes? Also ist das ein Problem,
was nach wie vor
existiert? Weil dann
würde ich auch
die finale Besprechung dieses Themas
lieber Experten überlassen
und sagen, man versucht sich eher
und seine Bemühungen dahin zu richten,
dass man der Person hilft, in der Behandlung,
wenn das nicht schon längst der Fall ist, zu
kommen und vielleicht auch die Behandelbarkeit
von solchen Schwierigkeiten anzusprechen.
Oder die Motivation
dafür ein bisschen zu schüren, aber
nicht selber als Behandler da irgendwie
anzufangen, weil es ist kompliziert, es ist schwierig
und sollte
wirklich professioneller Hilfe
überlassen werden. Ja, ganz wichtig.
Ja, ich habe mir dann, ich habe die Frage
eigentlich vor allem deswegen gestellt, weil ich mir dann eben
überlegt habe, gerade wenn das jetzt das selbstverletzende
Verhalten vielleicht in so eine Phase der
Pubertät oder im jugendlichen Alter fällt,
wo man eben sagt, das ist jetzt nicht Ausdruck einer
psychischen Erkrankung gewesen, aber man hat halt diese
Narben ja über Jahre tatsächlich, also das
bleibt einfach, dann so meine Fresse, du bist
jetzt schon der 200. der mich darauf anspricht,
es war halt damals und da war nichts Großes dabei, dann habe ich gedacht,
das ist vielleicht so ein Punkt, wo man denkt, boah, nee, ich
will das nicht nochmal erklären, aber wahrscheinlich,
wie du gesagt hast, Sebastian, ist das was total Individuelles
und im Zweifelsfall lohnt sich vermutlich
einmal abtasten, fast immer, wenn man
das auf eine einigermaßen empathisch und sensible Art
macht und die Person kann das ja
gegebenenfalls dann äußern, ja, wenn man
da sagt, das ist für mich eine abgeschlossene Sache,
dann ist das ja auch okay, dann muss man es ja nicht
austreten. Vielleicht können
ja unsere HörerInnen
auch einfach mal, wenn sie Lust
haben und sich bemüßigt fühlen, uns in den Kommentaren
antworten, wie sie das eigentlich so finden.
Ich fände es wahnsinnig spannend, auch mal ein
Stimmungsbild zu bekommen. Das stimmt, ja.
Eure Tipps für die anderen da draußen.
Okay,
dann käme ich von meiner Seite
zur letzten Frage und zwar, wir
haben jetzt schon viel über selbstverletzendes
Verhalten gesprochen, auch über diese Skills,
die es Mene aufgezählt hat,
vielleicht trotzdem nochmal so eine
Stufe basaler, sage ich mal.
Was sind denn Ressourcen im Alltag,
die einen vielleicht vor selbstverletzendem Verhalten schützen können
oder die einem da so ein bisschen helfen.
helfen, damit klar zu kommen.
Achtsamkeit.
Punkt.
Achtsamkeit, da gibt es
auch schon eine Folge zu übrigens, falls ihr Interesse habt.
Das stimmt, genau, mit der
guten Sore Waldkirche.
Genau, mit Achtsamkeitsübungen live
im Podcast.
Ritme über rote Ampeln.
Also natürlich Achtsamkeit,
Emotionsregulation lernen und
ich glaube, wir alle können
unser Leben lang wahrscheinlich auch
immer nur dazulernen,
funktionale Strategien dafür
zu entwickeln.
Und also was auch
helfen kann,
oder anders gesagt,
also wenn man Risikoperson
ist für Selbstverletzungen, dann sollte man
vielleicht schon ein bisschen auf seinen Stress
achten, auf seinen Stresspegel.
Das heißt also eine ausgeglichene
Work-Life-Balance oder eine ausgeglichene
Stress-Erholungs-Balance
ist sicherlich hilfreich.
Ja, genau, sowas.
Und dann das Thema
Drogen oder Alkohol wäre
vielleicht auch noch erwähnenswert.
Die erhöhen halt leider auch das Risiko,
weil man einfach weniger
Selbstkontrolle hat, wenn man gerade
intoxikiert ist.
Das heißt also, da möglichst
den Konsum einzuschränken, ist
sicher auch eine gute Ressource.
Ist es eine Ressource, wenn es ein weniger
von was ist? Oder ist es eine Antisource?
Das ist eine sehr gute Frage.
Vielleicht ist es die Ressource, dass man es sozusagen
schafft, dem zu widerstehen oder davon abzusetzen,
ja, ich glaube, auch die Widerstandsfähigkeit
ist definitiv eine Ressource.
Und
ansonsten natürlich,
ich würde behaupten, gute soziale Beziehungen
sind sicherlich
auch eine Ressource, weil
wir haben das vorhin nur kurz angeschnitten.
Man könnte ja so viel mehr sagen zu dem
Thema, aber zwischenmenschlicher
Stress hatten wir, glaube ich,
kurz erwähnt als Risikofaktor
auch für Selbstverletzungen. Das heißt also
Kontakte oder Beziehungen, die einem
nicht gut tun,
sind sicher ein Risikofaktor und
andersherum guttunende Beziehungen
und Kontakte ein Schutzfaktor.
Vielleicht, wenn man jetzt nochmal diese Elternperspektive
einnimmt, auch tatsächlich was, also
dass man versucht, entweder wenn man
sehr unsicher ist, sich erstmal auszutauschen
mit anderen oder eben auch bei dem
eigenen Hausarzt, der eigenen Hausärztin oder auch
bei einer Kinderärztin oder einem Kinderarzt nachzufragen,
bevor man vielleicht aus einer
sehr hohen eigenen Emotionalität dann mit
dem Kind oder dem jugendlichen Menschen
drangeht. Einfach, weil, glaube ich,
tatsächlich in dieser Pubertätsphase die
Kinder ja wahnsinnig viel mit sich
zu tun haben und sehr, sehr unsicher
sind und Scham eine ganz große Rolle spielt. Und ich glaube,
dass es sich da schon extrem lohnt, wenn
die Eltern das schaffen,
da einen guten Umgang mitzufinden und dem
Kind irgendwie zu signalisieren,
okay, das ist okay, ich nehme das wahr und wir versuchen
jetzt da eine Lösung zu finden, ohne dass es eben zu
diesem, oh Gott, muss ich dich jetzt in die
Psychiatrie bringen,
Problem kommt. Auch wenn das natürlich nicht
einfach ist, aber vielleicht, dass man einfach versucht,
sich als Elternperson da vorher irgendwie
im Zweifelsfall einen Austausch zu suchen,
der einem da potenzielle Unterstützung gibt. Ich glaube,
das ist ganz wichtig und ich glaube eben jetzt aus der
kinderärztlichen Perspektive sind da die meisten
auch offen für da auch ein
Elterngespräch natürlich zu führen, ohne das Kind im
Zweifelsfall. Also wenn man da Fragen hat oder Unsicherheit,
da hat man zumindest immer eine Anlaufstelle oder
man kann dann ja auch weiterverweisen, aber
sicherlich eine Möglichkeit, das dort zu thematisieren.
Entschuldige, Sermon,
Sermon aus der
Sermon aus der Pädiatrie.
Das ist total gut, dass wir Pädiater
bei uns haben. Ich denke sogar
auch, also einfach, weil
man,
man schon liest, dass es viel mit dem Thema
Pubertät auch irgendwie
Überschneidung gibt und also ich muss
sagen, ich kenne mich da überhaupt nicht aus, habe
keine pubertierenden Kinder
und falls sich
da draußen eine Person befindet, die da
Expertin ist in dem Bereich,
wäre es bestimmt auch nochmal interessant, so aus
dieser Jugendperspektive
genau das Thema anzuschauen.
Also da bitte kein Hate, wenn
wir da unvollständig informiert
sind. Ja, da sind beide Perspektiven
glaube ich ganz spannend, die der Jugendlichen
und auch eben die der Eltern, weil das
glaube ich zum Teil wirklich ganz weit auseinander
klafft und schwierig ist auch
übereinzubringen in diesen Situationen.
Deswegen dürfen sowohl Eltern als auch
die Jugendlichen gerne was schreiben.
Ja, und die
Kinder- und
JugendtherapeutInnen
und die
PubertätsexpertInnen.
Also ihr hört, schreibt einfach
alle, egal wer ihr seid, schreibt.
Meistens antworten wir nicht.
Nein, vor allen Dingen
in die Kommentare, weil ich glaube, dann können es die meisten
anderen lesen, das lohnt sich vielleicht noch am ehesten.
Sehr gut.
Okay, Sibi, wolltest du auch noch was sagen?
Jetzt haben wir da hier so. Ich finde, ihr habt das mit den Ressourcen gut abgedeckt.
Ich denke die ganze Zeit nur mal so ein bisschen
drüber nach, weil eigentlich wollte ich unbedingt nochmal
so ganz, ganz kurz erwähnen, das ist jetzt
irgendwie ein bisschen voller Reihenfolge falsch,
aber dass es die posttraumatische Belastungsstörung
gibt, wo ich es einfach sehr häufig
erlebe, dass selbstverletzendes
Verhalten auftaucht, gerade im Kontext
mit Geflüchteten. Ich glaube, das ist im Moment
momentan wieder was, was
vermehrt aktualisiert wird, weil
einfach diese Erkrankung extrem häufig
ist bei Menschen, die so schreckliche
Dinge erlebt haben und die auch sehr, sehr häufig
eben auf selbstverletzendes Verhalten
zurückgreifen, also für alle, die da irgendwo
in der Nähe zu Geflüchteten arbeiten
oder auch selber
Geflüchtete sind, es gibt eben diese posttraumatische
Belastungsstörung und es lohnt sich
da auch Hilfe zu suchen, weil
dafür haben wir auch eine Folge gemacht, dafür gibt es
auch Psychotherapie-
und Erfolgsmöglichkeiten.
Ja, ganz wichtig, auch wenn es nicht in die Reihenfolge
passt, sicherlich ein ganz wichtiger Punkt, ja.
Okay,
dann würde ich sagen, wir schließen
diese Folge,
oder? Seid ihr einverstanden?
Dann vielen Dank euch beiden
für Rede und Antwort und schon mal
prophylaktisch vielen Dank an alle da draußen, die uns
jetzt zahlreiche Kommentare schreiben.
Wir sind ganz gespannt, was es
da zu lesen gibt und ansonsten
hören wir uns hoffentlich bald wieder. Wir freuen uns
auf jeden Fall schon drauf. Bis dahin,
kämpft an gegen eure Corona-Müdigkeit.
Jawohl, haltet noch ein bisschen
durch. Und immer schön die
Lockenwinkel reindrehen.
Genau.
Ciao, süß, Mauti.
Tschüss.
Tschüss.
Ciao, Mauti.
Ciao, Mauti.
Podcast Summary
Key Points:
Selbstverletzendes Verhalten ist nicht eine Diagnose, sondern eine Forschungsdefinition, die hilft, das Phänomen besser zu erforschen und spezifische Therapieangebote zu entwickeln.
Es gibt eine breite Vielfalt an Verletzungsformen, wie Schneiden, Verbrennungen, Kopfstoß oder Wundmanipulationen, wobei die Grenze zu Suizidversuchen oft verschwimmt.
Selbstverletzung tritt häufig bei Jugendlichen auf, besonders in der Pubertät, und ist nicht immer mit einer psychischen Erkrankung verbunden, obwohl sie bei vielen psychischen Störungen, wie Depressionen oder Borderline-Störungen, vorkommt.
Die Absicht hinter dem Verhalten liegt oft darin, negative Gefühle zu regulieren, Stress abzubauen oder zwischenmenschliche Konflikte zu lösen.
Therapeutisch wird besonders die Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT) und die Entwicklung von Emotionsregulations- und Stressbewältigungsskills empfohlen.
Achtsamkeit und die Fähigkeit, eigene Gefühle wahrzunehmen (Alexithymie), sind zentrale Komponenten der Behandlung.
Die Therapie sollte individuell erfolgen, mit Fokus auf Motivation, Ersatzhandlungen und langfristige Emotionsregulation, ohne sofortige Abkehr von selbstverletzendem Verhalten.
Soziale Kontakte und eine starke soziale Unterstützung sind wichtige Schutzfaktoren, während Stress, Drogenkonsum und schlechte Beziehungen Risikofaktoren darstellen.
Summary:
Selbstverletzendes Verhalten wird in der aktuellen Forschung nicht als Diagnose, sondern als Klassifikation definiert, um das Phänomen besser zu erforschen und spezifische Therapien zu entwickeln. Es tritt vor allem in der Pubertät bei Jugendlichen auf und ist nicht immer mit psychischen Erkrankungen verbunden, obwohl es bei Depressionen, Trauma- oder Substanzstörungen häufig vorkommt. Der Hintergrund liegt oft in der Regulation negativer Gefühle, wie Verzweiflung oder Stress, und nicht direkt im Suizidgedanken.
Die Therapie zielt darauf ab, individuelle Emotionsregulationsstrategien – wie Achtsamkeit, Stressbewältigung und Ersatzhandlungen – zu fördern, wobei die Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT) besonders relevant ist. Wichtige Faktoren sind die Fähigkeit, eigene Gefühle wahrzunehmen (Alexithymie), sowie soziale Unterstützung und eine ausgeglichene Lebensbilanz. Eltern und Interessierte sollten sich vorher mit Fachkräften beraten, um eine sensitiv und vertrauensvolle Diskussion zu ermöglichen.
Selbstverletzung ist ein komplexes, individuelles Phänomen, das nicht einfach zu vermeiden ist, sondern vielmehr durch langfristige, empathische und strukturierte Unterstützung behandelt wird.
FAQs
Selbstverletzendes Verhalten ist eine absichtliche Schädigung der Körperoberfläche, die in der DSM-5 als Forschungsklassifikation definiert ist. Dazu zählen mindestens fünf Tage im letzten Jahr mit Schmerzen, Blutungen oder Quetschungen, wobei die Intention nicht suizidal ist.
Beispiele sind Schneiden, Ritzen, Verbrennungen, Kopfstoßen, Selbststechen oder die Manipulation von Wunden. Auch das Springen aus geringen Höhen oder unkontrollierte Tabletteneinnahme können auftreten.
Es tritt bei Depressionen, Trauma-Folgestörungen, Substanzgebrauchsstörungen, Angststörungen, psychotischen Erkrankungen sowie bei ADHS und Autismus-Spektrum-Störungen auf. Auch ohne psychische Erkrankung kann es bei Jugendlichen auftreten.
Die Intention ist bei selbstverletzendem Verhalten nicht suizidal. Es dient meist zur Regulation negativer Gefühle, zum Druckabbau oder als Hilferuf. Es gibt jedoch einen graue Zone zwischen beiden, da selbstverletzendes Verhalten ein Risikofaktor für Suizid sein kann.
Es ist standardmäßig Bestandteil des psychopathologischen Befundes. Wenn es nicht sofort ausgesprochen wird, wird es oft erst nach Nachfrage oder im Rahmen der Therapie thematisiert, da es den Betroffenen peinlich ist.
Die Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT) für Jugendliche ist besonders wirksam. Außerdem helfen kognitive Verhaltenstherapie, Mentaleisierungsbasierte Therapie und Therapien zur Emotionsregulation, insbesondere zur Entwicklung von Ersatzhandlungen.
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