Manon Mannherz, eine Frau mit Asperger-Syndrom und erfahrene Heilpraktikerin für Psychotherapie, teilt in einem ausführlichen Gespräch ihre persönliche und berufliche Erfahrungen mit Autismus. Sie beschreibt, wie ihr Interesse an Menschen und spezielle Themen wie Tennis, Wolle oder Heavy Metal bereits in der Grundschule entstand und als Fundament für ihre soziale und kognitive Entwicklung diente. Frauen mit Autismus erleben oft höhere soziale Erwartungen und Druck, was zu Burnout und einer Langzeituntersuchung von sich selbst führt. Sie betont, dass Frauen oft länger durch Kompensationsstrategien überleben, wodurch sie erst im Erwachsenenalter auffällig werden. Auch die gesellschaftliche Wahrnehmung zeigt einen Geschlechtsbias: Frauen werden stärker kritisiert, wenn sie nicht sozial "anpassen", während Männer eher akzeptiert werden. Manon zeigt, dass Autistinnen oft Schwierigkeiten mit Körperwahrnehmung und Selbstfürsorge haben, insbesondere unter Stress. Sie rät, klare Bedürfnisse wie Lärmempfindlichkeit direkt mitzuteilen, um sozialen Konflikten vorzubeugen. Ein zentraler Punkt ist, dass der Begriff „Autistin“ von vielen Autisten gewünscht wird, da er Identität und Selbstwahrnehmung stärkt – im Gegensatz zu "Mensch mit Autismus", das als verletzend empfunden wird. Der Gesprächsabschluss betont die Bedeutung einer gesellschaftlichen Wende hin zu Neurodiversität, weniger zu einem „Hu-Hu-Hu“-Konsens und mehr zu offener, respektvoller Sprache.
Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge von Jung und Freudlos, eurem Podcast
aus der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Freiburg.
Wir haben heute mal wieder eine kleine Videokonferenz geschaltet und in der befinden sich einerseits
unser Moritz, unser psychiatrisch bestausgebildeter Kinderarzt.
Na ja.
Hallo Moritz.
Hallo.
Dann Sebastian, unser psychiatrischer Assistenzarzt, der die Weiterbildung anstrebt zum Psychiater
und sich gerade im Exil befindet.
In einer neurologischen Versorgungsklinik.
Hallo Sebastian.
Ja, hallo.
Ich bin Esmene, das ist schnell gesagt.
Und dann haben wir noch eine Gästin, und zwar Manon Mannherz.
Herzlich willkommen, Manon.
Ja, hallo.
Ich sage kurz, wer du bist, okay?
Mhm.
Manon ist einerseits Diplom-Mathematikerin, was mich sehr beeindruckt hat, und arbeitet
jetzt aber schon seit vielen Jahren als Heilpraktikerin für Psychotherapie in einer eigenen Praxis.
Und nebenher auch noch im UZAS, im Universitären Forschungszentrum für Autismus-Spektrum-Störungen,
worüber wir uns ja auch kennen, aus der Autismus-Kaffee-Runde.
Genau.
Genau.
Und in deiner Praxis hast du ja verschiedene Schwerpunkte, und einer von diesen ist eben
auch Asperger-Autismus.
Und du hast auch selber eine Asperger-Diagnose, mit der du offen umgehst.
Und genau über diese Themen möchten wir heute mit dir sprechen.
Also Asperger-Syndrom bei Frauen allgemein.
Und du hast natürlich den Vorteil, dass du als betroffene Profi uns da vielleicht noch
den einen oder anderen Einblick geben kannst in dein eigenes Erleben.
Ja, ich versuche es.
Wir freuen uns auf jeden Fall sehr, dass du dabei bist.
Genau, schön, dass du da bist.
Dankeschön.
Manon, wir haben es schon angedroht, du kennst unseren Podcast schon, das heißt, wir mussten
gar nicht verraten.
Wir mussten gar nicht verraten, was am Anfang auf dich wartet, bevor die offiziellen Fragen
sozusagen starten.
Aber ich würde denken, wir legen direkt los mit unserer Oder-Runde, oder?
Ich fange.
Manon, Primzahl, Praxis oder Priemeln?
Praxis, ganz sicher.
Praxis schlägt Primzahlen und. Ja, passt besser zu mir jetzt.
Und Frühlingsbepflanzung ist nicht so. Gehen bei mir alle ein.
Ich habe sowas von gar keinen grünen Daumen.
Bei mir wird alles ausgewildert in den Garten.
War nichts mit den Priemeln.
Nee, gar nicht.
Okay, Frage Nummer zwei: Anhören, anschauen oder anfassen?
Anschauen.
Anfassen ist immer das Letzte, ich bin sehr auf Abstand.
Okay.
Ich fasse erst mal nichts an.
Anschauen ist gut.
Genau.
Bist du ein visueller Typ?
Ich glaube eher ja.
Ja.
Okay, Manon, ich schließe an: Stabil, dehnbar oder flüssig?
Puh.
Ähm.
Ich glaube dehnbar.
Ich glaube dehnbar.
Ja.
Ich glaube dehnbar.
Aber. Das kommt dir in den Sinn, wenn du jetzt so sagst, dehnbar.
Was würdest du denn gerne dehnen?
Ja, ich verbinde mit dehnbar irgendwie sowas wie anpassungsfähig erstmal.
So, ne?
Also kann auch Dimensionen, Größe verändern, so.
Ja.
Ich hoffe das.
Das ist so meine Präferenz.
Okay.
Das ist eine coole Assoziation auf jeden Fall.
Finde ich auch gut.
Dehnbar.
Ja.
Ich glaube dehnbar.
Ich glaube dehnbar.
Ja.
Ich glaube dehnbar.
Ja.
Ich glaube dehnbar.
Ja.
Ich glaube dehnbar.
In Form fallen. Also es war so klar, dass auf einmal ziemlich viel passt. Mir hat es dann an sich mein ganzes Selbstkonzept umgedreht, also einmal komplett auf den Kopf gestellt, weil ich mich definiert habe darüber, wie ich mich verhalte und wie ich mich benehme und was ich raffe und richtig mache und kontrolliere.
Also ich habe gedacht, das bin ich. Und alles, was ich unten drunter wahrgenommen hatte, habe ich gedacht, das ist wahrscheinlich irgendwas Traumatisches oder so. Und habe gedacht, nee, also wenn ich nur immer weiter, was ich heute Kompensation nenne, oben drüber baue, dann ist irgendwann dieser Sumpf auch nicht mehr wichtig.
So, dann stehe ich auf ganz stabilem Boden. Also ich habe wirklich richtig, richtig daran gearbeitet, möglichst perfekt zu funktionieren. Und ich war echt gut.
Du hast jetzt gesagt, die Beziehung.
Die Bauklötzchen haben sich irgendwie geordnet. War das dann in dem Moment jetzt vielleicht auch rückblickend Be- oder Entlastung, dass jemand dich da drauf gestoßen hat, dass sich die Bauklötzchen ordnen konnten?
Beides. Ich glaube, das ist was, was viele Autisten so empfinden. Einerseits ist es eine unglaubliche Erleichterung gewesen, dass das mal einen Namen hat. Irgendwas ist komisch.
Dass das eine Kategorie hat und man nicht damit alleine ist. Und dass auch diese ewige Jagd nach richtig machen, richtig machen, noch besser machen, dass das einfach jetzt auch dann mal gut ist, dass es zu Ende ist. Und auf der anderen Seite gibt es dann aber halt das Problem, ja scheiße, das geht jetzt nicht mehr weg.
Also das heißt eben, du kannst machen, was du willst, du wirst nie so sein wie die anderen.
Das kam relativ dicht hinterher. Und ich habe dann mir dummerweise selber vorgenommen, weil ich auch so ein bisschen arrogant war, dass ich ja sowieso viel klüger bin als alle anderen und mir gar niemand helfen kann. Und dann habe ich versucht, diese 50 Jahre Biografie alleine umzugraben. Also wenn ich so geboren bin, wo war es denn dann? Und damit habe ich mich komplett übernommen und dann bin ich halt irgendwann zusammengeklappt. Das war dann nicht elegant.
Klingt nach einem ziemlichen Wechsel.
Das war ein Wechselbad der Gefühle. Ich kann mir vorstellen, dass du da wahrscheinlich einigen betroffenen, spätdiagnostizierten Personen mit Autismus oder anderen Entwicklungsstörungen ziemlich aus der Seele sprichst.
So erlebe ich es auch von anderen, ja.
In der Rückschau, wann ist dir denn zum ersten Mal aufgefallen, auch wenn du keine Kategorie dafür hattest, dass du irgendwie anders denkst oder anders funktionierst als andere Menschen?
Im Grundschulalter ungefähr.
Gab es da so ein Schlüsselereignis oder war das einfach so, dass du das im Alltag immer wiederkehrend gemerkt hast oder wie kann man sich das vorstellen?
Es war wirklich so wiederkehrend, wie so ein Muster.
Ich habe immer mit dem Gefühl gelebt, dass andere Kinder irgendwie so eine Fee, so einen Zauber an der Wiege gehabt haben, der mir gefehlt hat.
Und ich habe tatsächlich im Grundschulalter das auch für mich so bewusst formuliert.
Ich habe angefangen, andere Kinder zu beobachten, weil ich rauskriegen wollte, wie die das machen.
Wie ihre Eltern sie lieb haben.
Mir wurde dann ziemlich schnell klar, dass das natürlich, weil ich die nur in der Schule sehe, ziemlich ja kokolores ist, weil ich das nicht mitkriege, wie die das mit ihren Eltern machen.
Aber dann habe ich gedacht, na gut, dann gucke ich mir die in der Schule an.
Dann weiß ich vielleicht aber auch, wie die das machen, dass die halt Freunde haben oder gemocht werden in der Klasse oder so.
Das hat sich immer durchgezogen.
Wenn du das jetzt so formulierst, klingt das so, als ob das bei dir zu Hause jetzt schwierig war, also Zuneigung von deinen Eltern zu bekommen für dich.
Ist das richtig?
Ja.
Ich meine, ich bin Jahrgang 65.
Als ich geboren wurde, gab es die Diagnose Asperger ja gar nicht.
Also selbst wenn meine Eltern gesehen hätten, dass mit diesem Mädchen was nicht stimmt, hätten sie sowieso keine Hilfe oder Unterstützung oder sowas gekriegt.
Das ist einfach auch ein Generationsproblem.
Du hast auch in der Einführung schon so ein bisschen erwähnt, für dich war es sehr, sehr wichtig zu lernen, wie andere Menschen funktionieren.
Was waren denn da so Probleme?
Gründe genau für diese Erkenntnis.
Das ist ja was, was jetzt zum Beispiel normotypischen Menschen eher weniger häufig begegnet, dass man das Gefühl hat, ich muss lernen, wie andere Menschen um mich funktionieren.
Was war für dich da so ein Schlüsselerlebnis?
Die Hauptmotivation war, dass ich sowas wie Berechenbarkeit haben wollte.
Ich wollte sicher sein, ob irgendein Kontakt eine Fortsetzung hat oder wie er fortgesetzt wird.
Also was passieren wird, mit welcher Wahrscheinlichkeit und was ich machen kann.
Also erstens mal eben, wie ticken Leute und dann eben, was kann ich tun, um das irgendwie zu beeinflussen.
Also wie kann ich das hinkriegen, dass jemand nochmal mit mir spielen möchte, dass ich nochmal wieder eingeladen werde.
Oder wenn ich frage, ob jemand zu mir kommen möchte, dass ich halt ein Ja höre und kein Blödes.
Nein.
Also das waren echt so ganz basale Sachen.
Wie kann ich das irgendwie in den Griff kriegen, ob Kontakte weitergehen.
Und da gab es halt aber auch saumäßig viel zu entdecken.
Also dieses Interesse hat ja nie aufgehört.
Ich finde das auch schick.
Also das hat sich bestimmt auch irgendwann verselbstständigt, weil ich Leute einfach sau spannend fand.
Die waren alle so unterschiedlich.
Das heißt, du bist so eine Menschenforscherin geworden dann in der Grundschule.
Ja.
Und gab es denn noch andere Themen, für die du dich so intensiv interessiert hast?
Irgendwie andere Spezialinteressen?
Ja, immer.
Ja.
Also willst du jetzt alle wissen?
Sag mal, die Top 3.
Genau, Top 3.
Dieser Podcast dauert 35 Stunden.
Ja, ich bin auch zahle eigentlich.
Ich behalte jetzt einen Vortrag über irgendein Spezialinteresse.
Also außer eben, außer diesem.
Wie funktionieren Leute, was sich wirklich das ganze Leben gehalten hat?
Gab es so ein prominentes Beispiel: Pete Sampras, der Tennisspieler.
Das war so ein klassisches Spezialinteresse.
Ich habe den einmal spielen sehen, fand es völlig irre, hatte keine Ahnung von Tennis.
Und das ist dann komplett gewuchert in, also ich war dann hinterher halt Expertin in WTA-Tennis-Zirkus, bin auf Turniere gefahren, habe Karten auf dem Schwarzmarkt organisiert.
Hatte komplettes Video-Equipment daheim, habe in irgendwelchen Newsgroups Spielberichte veröffentlicht und so.
Also so richtig der Klassiker.
Das war sehr cool.
Ich war sehr traurig, als Pete Sampras seine Karriere beendet hat.
Hattest du auch Poster von ihm?
Aber hallo, ja, ja, alles, alles, ey, also richtig voll Fan-Girl, ja.
Okay, Top 2.
Wolle, alles was mit Wolle.
Wolle zu tun hat, also Stricken, ich spinne selber Wolle und bitte jetzt keine Karlauer über Haha, sie spinnt, weil das hören alle wie ein Spinnradar.
Aber so halt, also ich kann tatsächlich ab dem, was der Schafscherer vom Schaf runter schert, kann ich Wolle aufarbeiten, spinnen fertig machen, waschen, färben, verschiedene Färbetechniken und am Ende dann halt habe ich dann eine ganze Jacke.
Wahnsinn.
Ja, das ist cool, das ist krass.
Das ist aber ein praktisches Interesse auf jeden Fall.
Ja, also nach dem dritten Weltkrieg bin ich dann wieder ganz vor der Reihe.
Du bist gewiss, Stricken steigen, du darfst voll Jacken, ja.
Gut.
Okay, eins wollen wir noch hören.
Das neueste Spezialinteresse hat mich jetzt relativ gut über den Winter gebracht, das ist Heavy Metal.
Ich arbeite mich gerade in Heavy Metal ein.
Das ist auch cool.
Das ist doch die Musik, die die intelligentesten Menschen hören.
Ha, das hatte ich, ehrlich?
Das habe ich gehört, ja.
Das gefällt mir.
Oh, wenn es die Menschen hören, die klassische Musik hören.
Genau, ich wollte gerade sagen, das gibt jetzt Kritik.
Nein, nein, die Metal, sie sind die Brains.
Aber es ist sehr interessant, finde ich, weil deine Auswahl von Spezialinteressen schon zeigt, dass die Spezialinteressen von Frauen mit Autismus schon ein bisschen anders auch sind als die von Männern.
Ja, ich glaube, dass das auch so ist, dass die Menschen, die mit Autismus gearbeitet haben, das ist auch ein bisschen ein bisschen anders.
Ja, ich glaube, dass die Menschen, die mit Autismus gearbeitet haben, das ist auch ein bisschen anders.
Sondern eher als normale Spermerei gesehen wird, oder?
Ja, das stimmt. Das ist bestimmt typisch.
Spannend.
Interessanter Punkt, ja.
Manon, alles, was du jetzt so berichtet hast, sowohl aus deiner Grundschulzeit als auch vielleicht jetzt aus diesen speziellen Interessen, klingt für mich viel nach Analyse und Sachen erkennen und zusammensetzen und überlegen.
Und jetzt ist ja das Spannende, dass du Heilpraktikerin für Psychotherapie bist, das heißt vermutlich ganz eng mit Menschen zusammenarbeitest, wo ja Empathie wieder so ein ganz großer Punkt ist.
Wie würdest du denn sagen, wie gelingt dir das mit der Empathie vor dem Hintergrund, dass wir Menschen mit Autismus da vielleicht mehr Schwierigkeiten haben als Menschen?
Ja, ich glaube, das ist ein sehr wichtiger Punkt.
nicht für alle Autisten sprechen, da muss ich echt vorsichtig
sein, aber bei mir ist
es definitiv so, dass ich
bei diesem spontanen
mich einfühlen
Lücken habe, Defizite habe.
Ich habe irgendwann mal
einen Kontakt mit
jemandem gehabt, wo ich tatsächlich
dieses ganz intuitiv gemerkt habe,
wie es dem geht.
Das war für mich
völlig überraschend. Das war auch nur so
ein, das blieb so ganz vereinzelt
und ich habe noch gedacht, oh Gott, oh Gott, wenn
das ist, was andere Leute normalerweise
haben, das wäre mir viel zu viel und viel
zu dicht, aber ich weiß
seitdem so ungefähr, was mir fehlt
und ich
ergleiche das aus in
gut hingucken, gut analysieren,
was ich sehe, mich
eindenken
und dann schwinge
ich natürlich selber schon emotional mit.
Also ich bin jetzt nicht aus Holz oder so.
Das merkt man,
glaube ich, hier sehr schnell.
Aber ja, ich muss
eine Menge dafür tun.
Und nein, ich hatte keine Unterstützung. Ich habe mir das
alles selber beigebracht.
Beeindruckend.
Danke.
Also so ein spezieller Punkt ist ja, du bist ja jetzt eben,
wir haben es gerade schon ein bisschen angesprochen,
Autistin, also eine Frau mit Autismus.
Und der Autismus von Frauen
sieht ja schon häufig so ein bisschen anders aus
als der von Männern.
Aber auch die speziell
als Frau gefragt, fandest du es
jetzt eigentlich besonders schwierig, so mit den
vorherrschenden Frauenbildern, die in unserer
Gesellschaft zu existieren?
War es für dich ganz besonders schwer,
diese Frauenbilder so zu erfüllen?
Oder hattest du ganz besonders große Konflikte
dabei?
Ich muss jetzt so ein bisschen an mich halten, um nicht zu sagen,
ja, ich finde das enorm
schwierig, auch heute noch.
Also ich bin Frau, ganz sicher.
Da bin ich, also da gibt es jetzt nichts.
Aber
ich habe
wie
bestimmt auch viele Autistinnen
komme ich mit Männern, mit
neurotypischen Männern irgendwie besser zurecht
als mit neurotypischen Frauen.
Also Frauen sind für mich
sehr, also die sind
nett, das ist es nicht.
Aber für mich sind sie sehr verwickelt
und
oft schwer zu verstehen.
die Frauenbilder,
da könnte ich,
oh Gott, oh Gott, ich finde das sehr, sehr
schwierig, ja.
Ich war nie besonders schön
und ich finde,
das, was so wirklich
mit weiblich assoziiert wird, das ist
nicht meins, gar nicht.
Ich kenne allerdings auch wenig
Frauen, die tatsächlich in diesem Sinn,
also diese Weiblichkeitsklischees dann auch
wirklich erfüllen. Wenn ich dann wieder
echte Frauen angucke, dann merke ich so,
wahrscheinlich so wahnsinnig
anders bin ich jetzt auch nicht oder
wahnsinnig auffällig oder so.
Aber also das, was
einem suggeriert wird, was Frauen
zu sein haben,
das lässt mich immer
wieder verzweifeln.
Ich weiß nicht, ob das so einfach ist
zu beantworten, aber
was glaubst du denn, wo der Unterschied ist?
Wie reagiert unsere Gesellschaft
auf autistische Männer
und wie reagiert ihr auf
autistische Frauen?
Vielleicht hast du da so als Mischung aus deiner eigenen
und deiner Praxiserfahrung
irgendwie einen Eindruck.
Ich kann das nicht ganz trennen
zwischen wie reagiert unsere Gesellschaft
überhaupt auf Männer und auf Frauen.
Die Anspruchshaltung
ist eine andere. Von Männern wird
ein anderes Durchsetzungsvermögen erwartet
und von Frauen ein anderes
Anpassungsvermögen.
Und ich denke schon, dass
autistische Frauen noch
einen Zacken eher dafür
getadelt werden, wenn sie
sich nicht sozial
adäquat
verhalten. Oder es löst zumindest
sehr viel mehr Irritation aus,
dass da Selbstverständlichkeiten
nicht bekannt sind, beziehungsweise es wird halt
immer vermutet, die werden nicht befolgt.
Und nicht, sie sind nicht bekannt,
weil im Erwachsenenalter geht man natürlich davon aus,
dass jemand weiß, wie er sich zu benehmen hat.
Und eben, ich habe schon oft
den Eindruck, dass Männer etwas mehr
Nachsicht bekommen.
Oder ein bisschen mehr so als Typ
bezeichnet werden. Ja, es ist halt eine Type.
Frauen dürfen keine Type sein.
Du siehst ja in deiner Praxis auch
Frauen und Männer mit
Autismus-Spektrum-Störung.
Vielleicht dazu zwei kleine Fragen.
Und zwar siehst du denn an deinen
KlientInnen sozusagen geschlechtsspezifisch,
welche Unterschiede? Und sind diese
Unterschiede oder dieses Frau-Sein
versus Mann-Sein oder auch sozusagen
vielleicht sich gar keinem der beiden Geschlechter zuordnen,
ist das Thema bei dir,
zwischen dir und den KlientInnen?
Nicht explizit.
Also außer bei denen, die
sich geschlechtlich nicht,
also nicht,
wie heißt das dann?
Non-binär, oder? Danke,
das war das, non-binary.
Also da ist es natürlich ein Thema.
Sonst
spreche ich mit den AutistInnen,
also mit kleinem i, AutistInnen,
nicht unbedingt über
Frau sein, wenn
das nicht ein Thema von ihnen selber ist.
Aber der,
also ich habe
sicherlich
auch ein eingeschränktes Spektrum an Leuten,
weil ich dadurch,
dass ich eine Privatpraxis habe,
habe ich KlientInnen, die mich
bezahlen können. Das ist vielleicht auch nochmal
so ein bisschen eine andere Ecke einfach aus dem Spektrum.
Aber eben ich sehe
überdurchschnittlich viele Frauen,
die unglaublich
viel Mühe und Kraft
darauf verwenden, eben möglichst
unkenntlich zu sein,
Erwartungen zu erfüllen
und an sich selber so einen
wahnsinnigen Leistungsanspruch haben.
Das ist schon
also viele
mit so klassische Burnout-KandidatInnen.
Also könnte man so ein bisschen
zusammenfassend sagen, dass es Frauen
als AutistInnen mit
kleinem i schon auch teilweise schwerer
haben als männliche Autisten,
die vielleicht
es leichter haben mit den Rollenbildern,
die an Männer gestellt werden oder bei denen es
vielleicht auch akzeptierter ist, dass die sich
eher zurückziehen, dass die
ich sage mal jetzt
dieses Klischeebild des klassischen
Computernerds, was man ja gerne vorm Auge hat.
Das ist ja für viele männliche Autisten
glaube ich ein ganz guter Rückzugsort.
Und das wird Frauen,
vielleicht nicht im gleichen Maße gegeben.
Ist das so richtig, wenn ich das jetzt so
versuche, über den Kamm zu brechen?
Also ich tue mich schwer damit zu sagen,
die autistischen Männer haben es so viel leichter.
Das wäre gemein.
Das wollte ich nicht ausdrücken.
Aber eben
in Sachen
Sozialkompetenz ist
der Erwartungsdruck bei Frauen
höher und da haben wir es schwerer.
Das ist schon
mein Erleben.
Inwieweit das
mit
Männern im Berufsleben dann
leichter oder schwerer haben oder in anderen Aspekten
ihres Lebens, weiß ich jetzt irgendwie,
müsste ich echt nochmal drüber nachdenken.
Aber was die sozialen
Anforderungen angeht, ja klar, da wird
bei uns einfach ganz selbstverständlich
ein, zwei Schippen mehr erwartet.
Ja, müssen wir jetzt auch gar nicht final
beantworten. Es reicht ja glaube ich, wenn wir
stehen lassen, dass es eben besondere
Schwierigkeiten für weibliche Autistinnen
gibt und die eben so
auch aussehen können.
Ist es jetzt zum Beispiel auch so, dass in den offiziellen
Diagnosezahlen Männer
häufig früher mit Autismus
diagnostiziert werden als Frauen, die
ziehen dann aber im laufenden
Lebensalter nach.
Hast du so ein bisschen einen Erklärungsansatz
für dieses Phänomen?
Ich sehe zwei
Erklärungsansätze. Das eine ist,
dass
Autismus überhaupt, also
durch die gestiegene Medienpräsenz
und
auch das etwas
größere Bewusstsein dafür, was Autismus überhaupt
sein kann, außer diesen
Klischeevorstellungen, dass
dadurch mehr Frauen auch aufmerksam
werden und vermehrt
zur Diagnostik gehen.
Und das andere ist, dass
also das heißt, die kommen jetzt sozusagen nach
und das andere
ist, wir
halten
offensichtlich länger durch
mit unseren Kompensationsstrategien
oder verbrachten da irgendwie mehr
Energie drauf
und irgendwann
ist dann die
Energie aufgebraucht und
dann können auch wir
nicht mehr weiter und werden dann halt irgendwo
meistens ja auch wegen anderer
komorbider Erkrankungen dann
eben auffällig und irgendwo vorstellig
und wenn wir Glück haben,
kommt irgendwie jemand drauf, dass
das nicht nur eine
Depression war, sondern dass noch was unten drunter ist.
Das ist also irgendwie ein bisschen
Fluch und Segen,
dass Frauen mit Autismus das ganz gut
können, sich da zu
tarnen und
da vielleicht auch
einfach unbewusst mehr diesen
hohen Erwartungen dann versuchen zu folgen.
Wieso sehe ich das auch, ja.
Fluch und Segen, genau.
Gibt es denn typische Themen, die
vor allem Frauen mit Autismus
dann wieder mit in die Therapie bringen?
Du hattest schon gesagt, Burnout, Überlastung.
Gibt es da noch
andere erwähnenswerte Schwerpunkte?
Als Schwerpunkt würde ich es nicht bezeichnen,
aber ich sehe,
bei manchen Frauen,
dass so ein Punkt
in der Selbstfürsorge schwieriger
zu sein scheint.
Bei ganz vielen Autisten
ist ja Körperwahrnehmung
irgendwie anders verkabelt als
bei normotypischen
Menschen und das
betrifft auch häufig das
Wahrnehmen von Durst, von Hunger
und von Appetit und diese
Synchronicität von Appetit und Hunger
und
da habe ich den Eindruck, da klafft
das bei Frauen relativ, ja,
Einfach ein Stückchen weiter auseinander.
Ich sehe mehr Frauen, die unter Stress nicht essen können zum Beispiel.
Oder die eben dann merken, sie haben Hunger, aber Appetit ist weg.
Sie bringen gar nichts mehr runter.
Das geht nicht wirklich in Richtung Essstörung.
Aber es ist eben, dass diese fehlende Körperwahrnehmung
oder die komisch verkabelte Körperwahrnehmung bei Frauen in dem Punkt
irgendwie ausgeprägter ist.
Und dass ich mehr Zeit verbrauche, um nach Strategien zu suchen,
wie könnte man das dann in stressigen Zeiten handhaben.
Okay, wir haben jetzt relativ viel, glaube ich,
tatsächlich über Geschlechtsunterschiede,
auch im Kontext Autismus, Spektrumsstörungen gesprochen.
Würdest du denn sagen, dieser ganze Themenbereich Gender
hat zu wenig Beachtung im Kontext Autismus?
Oder haben wir es jetzt fast überthematisiert?
Wie empfindest du das?
Ich hatte das eigentlich gedacht,
dass das das Thema ist.
Insofern ist es für mich okay.
Aber wesentlich mehr, glaube ich,
wüsste ich jetzt dann auch nicht.
Und so, wenn man es auf die Gesellschaft überträgt,
sozusagen, also die Menschen da draußen,
sollte man mehr über geschlechtsspezifische,
vielleicht auch Problemstellungen im Kontext Autismus sprechen
oder dem mehr Beachtung schenken, sage ich mal?
Ich würde mir das wünschen.
Ich denke, dass wir gesellschaftlich halt
überhaupt mit der Bekanntheit von Autismus
noch viel zu weit hinten dran sind.
Das heißt,
da wäre Aufbauarbeit zu leisten.
Aber bei allem, was irgendwie schon mit Autismus zu tun hat,
würde ich mir wesentlich mehr Beachtung
von geschlechtsspezifischen Betrachtungen wünschen
und eine bessere Diagnostik für Frauen.
Ich glaube nicht an diese Verteilung
von acht autistische Männer und eine autistische Frau
oder vier oder drei.
Ich glaube,
wir sind genauso viele.
Also ich bin ziemlich sicher,
wir sind genauso viele.
Und deswegen,
da fehlt es schon noch.
Du hattest vorhin schon erwähnt,
dass du auch unter deinen KlientInnen
Menschen hast,
die sich eben nicht binär
mit einem Geschlecht identifizieren können.
Hast du generell das Gefühl,
dass das Thema Gender,
sexuelle Orientierung bei Menschen mit Autismus
vielleicht ein größeres Thema sein könnte,
als das generell so gehandhabt wird in der Gesellschaft?
Klares Ja.
Unbedingt.
Ich hatte das in einem anderen Zusammenhang
nochmal recherchiert.
Ich habe Ende letzten Jahres
eine Umfrage bei Twitter gesehen.
Das war von einem neurodivergenten Account,
der relativ große Reichweite hat.
Und das war einfach mal so,
sagt doch mal,
ob ihr irgendwie Tiss seid oder nicht.
Und da war ich in der absoluten Minderheit,
also da waren 75% Angaben von
nee, irgendwie nicht Tiss-Hetero.
Deswegen ja, da sehe ich große Überlappung.
Und mir war das auch früher schon aufgefallen,
dass wenn da, wo ich mit Non-Binary-Leuten zu tun hatte,
dass die meisten davon,
Autisten waren oder sind.
Spannend.
Hast du auch da ein Erklärungsmodell,
woran das liegen könnte?
Nee.
Also es ist eher Empirie bis hierher.
Ja, also völlig.
Und eben aus der Autismus-Bubble,
die ich sehe.
Aber es ist schon echt auffällig, finde ich.
Ich hatte aus dieser Bubble,
hatte ich neulich tatsächlich
einen Erklärungsansatz gehört,
der lautete,
dass ja die Geschlechterbilder
für die meisten AutistInnen
eh Mist sind.
Und man daher sowieso schon
dieses Geschlechterbild verworfen hat
und sich dann halt was Neues aufbaut,
häufig nach eigenem Geschmack
und dann auch ein bisschen eine freiere Wahl
dabei herauskommt.
Was meinst du dazu?
Das ergibt für mich Sinn, ja.
Also ich habe das auch mal miterlebt,
eben mit einem Kind,
was als es so in die,
in das Alter kam,
wo dann klar wurde,
also eins von beiden werde ich wohl sein,
dann messerscharf geschlossen hat,
so wie die Jungs,
also waren Junge,
so wie die Jungs sind,
bin ich nicht.
Also Rückschluss,
dann muss ich wohl ein Mädchen sein.
War sehr logisch
und ging dann in,
ich versuche mich jetzt mal als Mädchen über
und hat sich aber dann später wieder
nivelliert.
Aber ja,
ich glaube schon,
dass die Suche dann,
wenn diese Geschlechterstereotype
auf einen nicht passen,
weil man halt nicht so sozial agieren kann
oder will oder,
dass man sich dann was anderes überlegen muss.
Manon, am 2. April ist Weltautismus-Tag
und ich glaube,
wenn unsere Folge rauskommt,
ist es nicht mehr so lange hin
und das war ursprünglich ja auch mal die Idee,
das zum Anlass zu nehmen für unsere Folge.
Ist dir dieser Tag denn persönlich wichtig?
Nee, weil,
also tatsächlich,
weil ich es eh nicht so mit Feiertagen habe.
Also sowas wie Weihnachten und Geburtstag
und Ostern und sowas,
ich brauche das alles nicht.
Insofern ist so ein Weltautismus-Tag
jetzt für mich auch nichts,
was ich irgendwie in Affront begehen würde.
Ich finde es gut, dass es ihn gibt,
aber ich muss ihn nicht feiern,
weil Ausnahme,
das brauche ich nicht.
Aber ja, ich finde es wichtig.
Sehr gut.
Gibt es denn so Themen,
wo du sagst,
anlässlich dieses Tages
könnte man noch mal drüber nachdenken,
so im Sinne von,
das sind vielleicht die größten Herausforderungen
für Autismus-ForscherInnen,
Autismus-BehandlerInnen
oder für Betroffene in der Zukunft?
Ich würde noch einen Schritt,
vorne weiter ansetzen
und als gesellschaftlich drauf gucken.
Und ich würde mir so wünschen,
dass dieser Nimbus von
Hu-Hu-Hu-Autismus,
dass ich das mal so ein bisschen verlieren würde.
Also dass man ein bisschen ungezwungener
darüber reden kann.
Guten Tag, ich habe ein anderes Betriebssystem.
Ohne dass man dann gleich
auch noch ein bisschen mehr Zeit hat.
Also, dass man dann auch noch ein bisschen mehr Zeit hat.
Ich bin sehr gespannt, wie die praktische Umsetzung dessen aussieht.
Aber es ist ein cooles Ziel auf jeden Fall.
Weniger Hu-Hu-Hu und mehr Neurodiversität.
Ja, so, ne? Genau. Mut zur Neurodiversität.
Das ist echt ein tolles Bild mit dem Betriebssystem.
Das gefällt mir sehr gut.
Ich finde auch.
Ja, das sagen aber viele.
Wir haben halt ein anderes Betriebssystem, ja.
Cool.
Um den Hu-Hu-Hu-Status zu reduzieren,
würdest du den anderen betroffenen Raten ebenso wie du eben offen
einfach damit umsetzen?
Um zu gehen, da jetzt so drüber zu sprechen,
wie wir das gerade machen?
Oder was sind so ein bisschen deine Tipps für andere Betroffene,
um es sich vielleicht eben so gut als möglich
ein bisschen leichter zu machen?
Das ist tatsächlich ein Punkt, wo ich ganz vorsichtig bin.
Weil Leute in ganz unterschiedlichen Kontexten leben.
Und ganz unterschiedlichen Berufsbildern leben.
Und für mich ist es, glaube ich, relativ einfach,
offen damit umzugehen.
Beziehungsweise ich bin auch so.
Also ich bin da auch so ein bisschen so Kopf durch die Wand.
Aber ich weiß, dass das nicht für alle möglich ist oder denkbar
oder auch nur erwünscht.
Das heißt, wenn man nicht explizit sagen kann,
dass man Autist ist,
dann würde ich auf jeden Fall dazu raten,
dass man sagt, was man braucht.
Also zumindest in den Sozialkontakten,
wo das auch möglich ist.
Wünsche zu äußern.
Aber dass man eben sowas sagen kann wie,
ich kann nicht gut mit Lärm.
Ich bin lärmempfindlich oder so.
Das ist was, was viele Leute nachvollziehen können.
Und ich merke auch,
dass wenn ich zu jemandem sage,
ich bin Autistin,
dann ist erst mal 13 Fragezeichen im Gesicht.
Wenn man damit konfrontiert ist
und aber nicht weiß,
was das eigentlich bedeutet.
Das heißt, wenn ich sage, was ich brauche
oder sage, was das konkret ist,
was ich brauche,
was jetzt für den Kontakt zwischen mir
und meinem Gegenüber heißen soll,
dann helfe ich ja auch.
Und das ist erlaubt, glaube ich.
Das ist gesellschaftlich erlaubt.
Aber das ist ja wirklich ein super Tipp.
Also sagen wir mal,
der klingt aus der Perspektive heraus
sozusagen ja relativ gut umsetzbar.
Tatsächlich basale Bedürfnisse,
nenn ich es mal, zu äußern,
die Zwischenmenschliches irgendwie vereinfachen.
Ich glaube, vielleicht ist es auch da so,
dass man erst mal denkt,
okay, interessant, dass man das jetzt so äußert.
Aber im Nachhinein macht es,
muss ja ein Zusammensein viel einfacher,
wenn man ganz klar weiß,
worauf man vielleicht einfach achten kann,
um gewisse Konflikte zu reduzieren
oder Probleme zu lösen.
Ja, also meine Erfahrung ist,
meine persönliche Erfahrung,
Erfahrung ist, dass das Älterwerden
dabei tatsächlich hilft,
weil ich jetzt mit Mitte 50
natürlich auch viel mehr
Leute treffe, die
einfach auch schon andere
gesundheitliche Probleme haben oder die auch schon mal
durch eine depressive Episode gelatscht
sind und so die
wissen zum Beispiel, dass
wenn man Federn gelassen hat, dass manches
einfach nicht mehr gut ist, dass man eben
sagt, ich muss
jetzt hier gerade mal das Fenster zumachen, wenn ich jetzt noch
irgendwas von draußen höre, kriege ich einen Vogel.
Das können in meinem Alter schon viel,
viel mehr Leute nachvollziehen und
dann wird es einfacher. Also
in eurem Alter, glaube ich, ist man dann
noch so ein bisschen Wunderkind, wenn man
irgendwas nicht abkann. Auch ein interessanter
Aspekt. Das ist doch mal
ein Vorteil und
ich glaube, das hatten wir in einer früheren Autismus
Folge auch schon mal gehört, dass da
im Alter nicht
alles schlechter wird.
Wie es ja sonst immer
gern behauptet wird.
Sondern, dass manche Sachen dann vielleicht auch
leichter werden.
Mit meinem
Zeitgefühl im Hinterkopf und
unserer Fragensesse, die fast leer ist,
würde ich sagen, wir neigen
uns dem Ende.
Die Frage ist ja, haben wir eine Frage
vergessen dir zu stellen, die du aber gerne
beantwortet hättest?
Ich glaube, weil du nach
Forschung gefragt hattest
und ich das erstmal so abgebogen
hatte,
so Einsatz zu den Diagnose-
Kriterien, glaube ich, wäre
schon gut. Also dieser
Bias
von was ist Autismus?
Dann bringen wir das doch
nochmal kurz
auf den Tisch.
Das war nämlich in unserer
Fragensammlung insofern mitvertreten,
als dass ja die Frage auch ist,
glaubst du, dass
die Diagnose-Kriterien was damit zu
tun haben, dass Frauen oft
in der Kindheit nicht erkannt werden
und dann erst so spät,
durch Komorbiditäten oder andere
Folgeprobleme rausgefischt werden?
Der Witz ist, wenn man die Diagnose-Kriterien
sich anguckt im Wortlaut,
dann gibt es da scheinbar
keinen Gender-Bias, aber es
ist eben in der Auslegung oder
in der Erwartungshaltung,
da ist einer drin, auch ganz
sicher, ja, ganz sicher.
Und dieses,
also das ist
DSM 5, glaube ich,
schon gestattet,
eben diese Sicht auf
irgendwann reichen die Kompensationsstrategien
möglicherweise nicht
und man muss nicht im Kindesalter
wahnsinnig einschlägig
auffällig gewesen sein, um eine
gesicherte Diagnose kriegen zu können.
Das ist ein Schritt
in die richtige Richtung,
auf jeden Fall. Also das ist was, was eben
Mädchen
entgegenkommt,
weil wir eben anders sozialisiert sind
und viel mehr Energie darauf verbrennen,
uns anzupassen.
Also das eben,
ja, das ist sicherlich ein Punkt,
also die Auslegung.
Ja, genau, also ein Punkt, der in den bisherigen
Kriterien nicht so richtig drin vorkam,
dass manche Leute das sehr gut
kompensieren können.
Ja, genau das.
Und der ist jetzt neu im DSM 5
explizit so erwähnt oder wird das einfach
mehr jetzt sozusagen praktiziert
oder umgesetzt oder klärt mal noch kurz
ein bisschen auf?
Im DSM 5 ist die Formulierung
geändert worden gegenüber
dem DSM 4,
dass eben
dass es auch sein kann,
dass eben die
Kompensationsfähigkeit
irgendwann überschritten ist
und dass dann sich die einschlägigen
Probleme zeigen,
wenn ich das so sinngemäß
wiedergebe.
Und das wäre dann eben später, als es
ursprünglich quasi
formuliert war mit der frühen Kindheit.
Also das heißt,
Frauen könnten auch erst im Alter,
von, keine Ahnung, in der Pubertät
dann auffällig werden?
Naja, oder mit 50, ne?
Oder mit 50.
Also das ist,
ja, da muss man, glaube ich, erst nochmal in Ruhe
drüber nachdenken auch.
Das ist ja, also hat
ja ganz schön heftige Implikationen
am Ende. Man sagt, das kann
sein, dass eine Person wirklich
jahrzehntelang
kompensiert, kompensiert, kompensiert
und
genau, im Endeffekt
dann erst was passieren muss,
bevor sie aufhält.
Für alle, die
vielleicht nochmal die anderen Kriterien
hören möchten, es gibt zwei Folgen zu
Autismus-Spektrum-Störung. Eine in
unserer Runde und eine mit einem Experten,
Professor Tibberts-Van Elst. Also da kann man das
vielleicht sonst auch nochmal nachhören, wenn man sich jetzt gerade
oder wenn jetzt die 13 Fragezeichen
im Gesicht auftauchen, an denen
Manon vorhin schon mal gesprochen hat, dann könnt ihr da
euch nochmal ein bisschen reinhören, dann zählen wir die jetzt nicht
nochmal alle auf. Was mir aber in dem
Kontext gerade noch einfällt, Manon, was
nachgeschobene Fragen angeht und zwar
wir haben schon viel auch
vielleicht auch echt noch mehr am Anfang
dieses Podcasts über Sprache diskutiert
und wie benenne ich etwas richtig und
gerade im Kontext Autismus-Spektrum-Störung haben wir
in unserer Runde auch viel uns
drüber unterhalten, wie sagt man denn jetzt richtig
und wie wollen Betroffene eigentlich selber das gesagt
werden? Also würdest du
sagen, du bist Autistin oder du
bist Frau mit Autismus, Mensch mit Autismus?
Bezeichnest du dich
als jemand auf dem Spektrum?
Wie würdest du das jetzt heute gerne
von jemandem hören, dass man sozusagen möglichst
respektvoll und korrekt darüber spricht?
Also ich, ich bin
Autistin. Ich bin nicht
Frau mit Autismus oder Mensch
mit Autismus und insbesondere habe
ich keinen Autismus.
Das finde ich ganz schrecklich.
Ich habe jetzt gerade heute
Nachmittag einen Vortrag gehört, wo
immer von Menschen mit Autismus
gesprochen wurde. Ich nehme
an, dass der Referent
einen Grund dafür hatte, das so zu formulieren,
aber ich finde es nicht schön.
Die meisten
anderen Autisten, die
ich kenne, möchten Autisten genannt werden.
Ich höre nur eine Minderheit
von Leuten,
die sich als Mensch mit Autismus
oder Person mit Autismus bezeichnen.
Ich glaube eigentlich, Autisten
wollen in der Mehrheit Autisten
sein.
Ich glaube, die Unsicherheit rührt ja vor allem daher,
dass Menschen mit Behinderung
nicht Behinderte genannt werden wollen
zum Beispiel und man sich das glaube ich
angewöhnt hat,
eben dieses Menschen mit
zu formulieren, weil es einfach weniger
offensiv und weniger verletzend klingt.
Aber Autisten
sehen das dann nochmal ein bisschen anders.
Macht den Straußblumen nochmal
ein bisschen bunter in der Sprache.
Ich glaube,
der Hintergrund ist, dass
ein Mensch
mit Behinderung
sich auch ohne Behinderung
denken kann.
Und ich kann mich ohne
Autismus aber nicht denken.
Dann gibt es mich nicht.
Das ist eine Frage von Identität.
Das ergibt Sinn.
So können wir uns das auch merken.
Genau.
Ja und es ist auch gut zu hören, dass das
in dem Fall auch in Ordnung ist, zu sagen,
du bist Autistin und du siehst das auch so
und zwar irgendwie in der Gänze
sozusagen. Ich glaube, manchmal ist es wirklich
auch einfacher, auch für andere dann das so zu benennen,
als dass man so ein bisschen, ich sag mal,
salopp drumrum eiert eben mit diesem
Menschen mit und oh Gott, ich will es am besten
nicht aussprechen und wie sag ich es jetzt?
Ja. Deswegen, aber umso
besser, wenn jemand wie du
dir selber sozusagen
aus der eigenen Perspektive
berichten kann, sagt, so hätte ich es gern.
Und natürlich kann man nie für alles sprechen. Ich glaube, das ist auch einfach so.
Aber du hast es, jetzt haben wir mal einen Punkt
zumindest. Ja, also ich denke,
wenn man respektvoll
sein will und vorsichtiger sein
will, dann ist es valide zu sagen,
jemand ist im Spektrum.
Sehr gut. Gut.
Dann hast du noch eine Take-Home-Message
für die Autist,
mit ihnen, mit großem
I da draußen. Oder auch die
anderen. Die sind auch da drin, dachte ich.
Mit der Gap, weißt du?
Nee, ich meine auch die nicht-autistischen.
Also auch die nicht-autistischen.
Man kann ja beide Seiten adressieren sozusagen.
Also es gibt sozusagen zwei Take-Home-Messages
oder eine inklusive.
Die und die nicht-autistischen.
Und über dem Spektrum und daneben.
Sozusagen.
Jenseits.
Okay, ich glaube, meine Take-Home-Message
an beide Gruppen ist,
hier sind viele.
Ausrufezeichen?
Ja.
Das ist sehr gut. Da kann jetzt jede und jeder
und jede was draus machen, oder?
Genau.
Vielen, vielen Dank, Manon.
Also ich fand das Gespräch
extrem spannend.
Ich auch. Spektakulär, ja.
Ich hoffe, das geht unseren ZuhörerInnen
auch so. Möchte sonst noch
jemand was sagen?
Vielen Dank an euch da draußen, dass ihr zugehört habt.
Ja, falls ihr selber
auch betroffen seid, falls ihr AutistIn,
AutistIn seid,
schreibt uns doch gerne eure Meinung
zur Thematik, eure Tipps,
was den Umgang angeht.
Euren Tipp vielleicht auch, wie man den
Hu-Hu-Hu-Effekt mindern kann.
Auch wenn wir das jetzt dann ein paar Tage
vor dem Autismus-Tag machen.
Wir freuen uns total auf Nachrichten.
Und falls ihr noch eine persönliche Anfrage
an Manan habt, könnt ihr natürlich gerne an uns schreiben
und wir leiten das dann gegebenenfalls weiter.
Ja, gerne.
Dann sage ich vielen Dank für die Einladung.
Wie schön, dass du da warst.
Ja, tausend Dank fürs Mitmachen.
Sehr bereichernd.
Und allen ZuhörerInnen Adieu.
Guten Abend.
Einen wunderschönen Tag und bis bald wieder.
Tschüssi.
Bis bald.
Podcast Summary
Key Points:
Manon Mannherz, eine Frau mit Asperger-Syndrom, teilt ihre persönliche Erfahrung als Autistin und Heilpraktikerin für Psychotherapie.
Sie beschreibt, wie sich ihre soziale Erkenntnis und das Interesse an Menschen ab dem Grundschulalter entwickelt hat, basierend auf einem Bedürfnis nach Berechenbarkeit und Vorhersagbarkeit.
Spezialinteressen wie Tennis, Wolle und Heavy Metal zeigen eine klare Ausprägung von Fokussierung und Systemfähigkeit, typisch für autistische Denkweisen.
Frauen mit Autismus erleben oft höhere soziale Erwartungen und Druck, was zu Überlastung und Burnout führt, während sie sich oft als "unkennbar" oder "unpassend" fühlen.
Die Diagnose von Autismus wird bei Frauen oft verzögert, da sie sich länger durch Kompensationsstrategien behaupten, und der Erkenntnisprozess erst im Erwachsenenalter auftritt.
Die gesellschaftliche Wahrnehmung von Autismus zeigt einen Geschlechtsbias
Es gibt deutliche Unterschiede in der Selbstfürsorge und der Körperwahrnehmung bei Frauen mit Autismus, die oft unter Stress nicht ausgeglichen sind.
Manon rät zur klaren Kommunikation von Bedürfnissen wie Lärmempfindlichkeit, anstatt die Diagnose zu verbergen, um sozialen Konflikten vorzubeugen.
Summary:
Manon Mannherz, eine Frau mit Asperger-Syndrom und erfahrene Heilpraktikerin für Psychotherapie, teilt in einem ausführlichen Gespräch ihre persönliche und berufliche Erfahrungen mit Autismus. Sie beschreibt, wie ihr Interesse an Menschen und spezielle Themen wie Tennis, Wolle oder Heavy Metal bereits in der Grundschule entstand und als Fundament für ihre soziale und kognitive Entwicklung diente. Frauen mit Autismus erleben oft höhere soziale Erwartungen und Druck, was zu Burnout und einer Langzeituntersuchung von sich selbst führt.
Sie betont, dass Frauen oft länger durch Kompensationsstrategien überleben, wodurch sie erst im Erwachsenenalter auffällig werden. Auch die gesellschaftliche Wahrnehmung zeigt einen Geschlechtsbias: Frauen werden stärker kritisiert, wenn sie nicht sozial "anpassen", während Männer eher akzeptiert werden. Manon zeigt, dass Autistinnen oft Schwierigkeiten mit Körperwahrnehmung und Selbstfürsorge haben, insbesondere unter Stress.
Sie rät, klare Bedürfnisse wie Lärmempfindlichkeit direkt mitzuteilen, um sozialen Konflikten vorzubeugen. Ein zentraler Punkt ist, dass der Begriff „Autistin“ von vielen Autisten gewünscht wird, da er Identität und Selbstwahrnehmung stärkt – im Gegensatz zu "Mensch mit Autismus", das als verletzend empfunden wird. Der Gesprächsabschluss betont die Bedeutung einer gesellschaftlichen Wende hin zu Neurodiversität, weniger zu einem „Hu-Hu-Hu“-Konsens und mehr zu offener, respektvoller Sprache.
FAQs
Frauen mit Autismus werden oft spät diagnostiziert, weil sie sich besser sozial anpassen und ihre Symptome durch Kompensationsstrategien verbergen. Dies wird in der Gesellschaft oft nicht erkannt, und die Diagnose wird erst dann vermutet, wenn andere Erkrankungen oder Probleme auftreten.
Frauen mit Autismus haben oft unterschiedliche Spezialinteressen wie z. B. Wolle stricken, Heavy Metal-Musik oder bestimmte Sportarten. Diese Interessen zeigen eine tiefe, analytische Neugier und können sich besonders auf Details und Strukturen konzentrieren.
Frauen mit Autismus müssen oft stärker auf soziale Anforderungen eingehen, was zu erhöhtem Druck und Burnout führen kann. Männer werden hingegen eher als 'typisch' akzeptiert, während Frauen oft als unsozial oder unpassend wahrgenommen werden.
Eine häufige Herausforderung ist die Schwierigkeit, sich selbst zu betonen, insbesondere im Bereich der Selbstfürsorge. Viele Frauen bemerken eine fehlende Körperwahrnehmung, z. B. bei Hunger oder Durst, was Stress und Essprobleme verursachen kann.
Menschen mit Autismus können klar und konkret sagen, was sie brauchen, z. B. „Ich bin lärmempfindlich“ oder „Ich benötige Pause“. Dies hilft, Konflikte zu reduzieren und andere zu verstehen, ohne die Identität als „Mensch mit Autismus“ zu verletzen.
Die Sprache ist entscheidend, da Autisten oft die Bezeichnung „Autistin“ bevorzugen, anstatt „Mensch mit Autismus“. Dies beschreibt ihre Identität und zeigt, dass sie nicht als „behindert“ oder „abnorm“ wahrgenommen werden wollen.
Chat with AI
Loading...
Pro features
Go deeper with this episode
Unlock creator-grade tools that turn any transcript into show notes and subtitle files.