Der Tod Jesu wird in der christlichen Tradition vielfach unterschiedlich interpretiert. Im alten Testament wurde menschliches Opfer für Gott abgelehnt, daher wird das Kreuz nicht als Opfer für einen beleidigten Gott verstanden, sondern als Ausdruck göttlicher Liebe und Hingabe. Die ersten Christen, vor allem Juden, deuten den Tod Jesu im Rahmen des alten Gottesdienstes, wie des Passahs, als Stellvertretung für die Sünden der Menschheit. Paulus betont, dass Gott in Christus die Welt versöhnt und die Sünden nicht rechnet. Der Tod Jesu ist ein Moment der Vollendung, nicht nur eines Endes. Historisch entstand die Lehre vom Loskauf, die die Kirche als Sieg über Sünde und Tod verstand; die Satisfaktionslehre von Anselm, die auf Scham und Wiederherstellung der Beziehung abzielt; und die Reformatorische Lehre der Strafverteilung, die das Schuldproblem des Menschen betont. Heute wird zunehmend betont, dass Jesus als Opfer der Menschheit verstanden wird, nicht als Opfer für Gott. In einer zunehmend postmodernen Gesellschaft, geprägt von Schamgefühlen und sozialer Würde, werden die biblischen Texte neu gelesen – nicht nur aus einem dogmatischen, sondern aus einem menschlichen, empathischen Blickwinkel. Die traditionelle Deutung als einzig „richtig“ wird zunehmend hinterfragt, um eine verantwortungsvolle, menschliche Nähe zum Glauben zu schaffen.
[Musik]
3 Gesichter des Evangeliums. Willkommen zur 6. Episode. Es geht um das Kreuz. Welche
Bedeutung hat der Tod von Jesus? Oder was bedeutet die Aussage? Christus ist für uns gestorben.
Im 4. Jahrhundert wurde der christliche Glaube als Staatsreligion anerkannt. Gleichzeitig
schaffte man die Kreuzigung als offizielle Hinrichtungsform ab. Das Kreuz verwandelt sich
von einem "Folter Instrument" zu einem Glaubenssymbol. Von nun an wurden Kirchen damit geschmückt,
die ursprüngliches Gandalfeschichte entwickelte sich zu einer gesellschaftstabilisierenden Erlösungsreligion.
Paulus noch schrieb an die Korinter, denn ich hielt es für richtig, unter euch nicht zu wissen,
als allein Jesus Christus, ihn, den gekreuzigten. Seine Betonung lag auf der Person des
gekreuzigten. Es ging um eine Beziehung zum Aufverstandenen, im Licht dieses Ereignisses
verblasste für ihn alles andere. In heutigen Frommel Jös, besonders auch im Nachklang zur
Reformation, ist häufig folgende Deutung anzutreffen. Am Kreuz sünte Jesus unsere Schuld. Er erlitt
Gottes Sorn über die Sünde der Welt und nahm unsere Strafe auf sich. Sein Tod ermöglicht uns
Vergebung und neues Leben. Mit dieser Deutung grenzt man sich insbesondere zu zwei Seiten ab.
Erstens, in Richtung liberale Theologie. Dort würde Jesus angeblich nur als moralisches
Vorbild, historischer Lehrer oder mutiger Prophet ohne jeglichen Heilsanspruch verstanden werden.
Zweitens, in Richtung zur Satisfaktionslehre von Anselm von Kenterbury. Dort ginge es angeblich
um einen rachsüchtigen beleidigten Gott, der durch das Menschenopfer von Jesus besenftig
werden sollte. Wenn ich angeblich sage, dann deutlich damit an, dass wir es mit typischen
Missverständnissen zu tun haben. Und wenn ich von einer Deutung spreche, dann sind offenbar
auch andere Deutung denkbar. Das mag für diejenigen verwirren sein, die gelehrt wurden,
dass es nur eine biblisch-richtige Deutung des Kreuzestodes geben würde. Beginnen wir
von vorne. Als Jesus vor fast 2000 Jahren gekreuzigt wurde, war sein direktes Umfeld völlig
verstört. Obwohl er sein Gewaltsamt tot angekündigt hatte, ging offenbar keiner seiner
Nachfolger davon aus, dass dieser Wirklichkeit werden würde. Als Jesus dann auch noch
auferstand und den Jüngern erschien, war die Verwirrung komplett. Nach jüdischen Denken
war jemand, der am Kreuz starb, von Gott um seiner eigenen Sündenwillen verflucht. Wenn
der Messias nun aber von den Toten auferweckt wurde, kam das einer grundlegenden Rehabilitation
gleich. Im Rückschluss hieß das, der Tod von Jesus war keine Folge seiner eigenen Verfehlung,
sondern geschah Stellvertretend für andere. Was aber meint Stellvertretung? Die ersten Christen
waren Juden. Folgerichtig suchten sie, die Ereignisse entsprechend der alt Testamentlichen
Traditionen zu deuten. Das Passalam spielte eine Rolle, oder das Verständnis vom Sündenburg.
Es gab aber kein an sich richtiges Verständnis. Stattdessen war es eine Suchbewegung und ein
Theologisches Ringeln. Was es genau mit dem Tod von Jesus auf sich hatte. Um die Schwierigkeit
aus heutiger Sicht deutlich zu machen, wechseln wir zu veranschaulichung in die englische Sprache.
Das Wort Opfer lässt sich sowohl mit Sacrifice als auch mit Victim übersetzen. War Jesus
demnach ein Opfer für Gott oder ein Opfer von Menschen? Hatte sein Tod eine religiöse
Heilsfunktion oder sollte er die Brutalität einer godlosen Welt verdeutlichen? Die Materie
wird immer komplizierter je tiefer man einsteigt. Anhand der neutestamentlichen Aussagen können
wir grob folgendes festhalten. Erstens. Jesus Tod wurde nicht als ein Menschenopfer für
ein sauerndigen Gott gedeutet. Schon im alten Testament werden menschliche Opfer für
Gott kategorisch abgelehnt. Wieso sollte das neuen Testament hinter das alte Zurück fallen?
Auffällig ist zum Beispiel, dass bei der Opferung Isarax war der Glaube Abrahams betont
wird. Das Opfergeschehen selbst wird aber nicht als Vorbild für Jesu Tod genommen.
Zweitens. Nicht Gott, sondern die Menschen, sollen durch Jesu Tod versöhnt werden.
Glasklar schreibt Paulus im zweiten Gerinterbrief. Denn Gott war in Christus und versöhnte
die Welt mit sich selbst und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu. Drittens damit ist
deutlich, im Tod von Jesus handelte Gott selbst. Jesus starb aus Liebe und verdeutlichte
damit Gottes Zuwendung zu einer verlorenen Welt. Die Hingabe seines Lebens kommt den
Menschen zugute. Viertens. Jesu Tod bringt etwas zum Abschluss und eröffnet etwas
Neues. Es ist eine Zeitinwände. In seinem Tod ist ein "Es ist vollbracht" und ein "Ein
für alle Mal" enthalten. Es bedarf keiner Wiederholung. All das mag schwer oder gar nicht
zu verstehen sein. Kein Wunder, also, dass seit vielen Jahrhunderten immer neu nach einer
stimmigen Deutung und Aktualisierung gesucht wurde. Solange die ersten Christen noch unter
dem Druck der Verfolgung glitten, hatten sie täglich vor Augen, um ihres Glaubenswillen
sterben zu können. Nachfolge bedeutete ganz direkt, sich am Lebensstil von Jesus zu orientieren,
im Notfall bis in den Tod. Ab dem dritten Jahrhundert lassen sich drei Hauptmuster in der Kreuzes
und Erlösungstheologie ausmachen. Damit befinden wir uns in der Kirchen und Dogmen Geschichte.
Erstens. Die Lehre vom Loskauf. Im Markus-Evangelium steht, der Menschen Sohn ist nicht gekommen,
dass er sich dienen lasse, sondern dass er Diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.
Hier begegnet uns die Vorstellung, dass das göttliche Leben von Jesus ein Preis war,
der bezahlt wurde. Durch seinen Tod wurden syndige Menschen aus der Macht bis Bösen
erkauft. So wie es geladen, von einem fremden Herrn freigekauft wurden. Gleichzeitig besiegte
Jesus das Böse von Grund auf, Christus Wiktor, Christus der Sieger. Diese Vorstellung kombinierte
sich mit dem expansiven Machtbewusstsein der aufstrebenden Kirche. Die Betonung lag auf
der "stärke Christi" gegenüber "sünde, tot und teufel". Unschwer ist zu erkennen, dass wir uns
mit der Loskauf-Theorie im Angstschutzmuster befinden. Für ca. 1000 Jahre blieb diese Vorstellung
vorherrschend. Zweitens. Die "satisfaktionsleere". Der Begriff "satisfaktion" wird in der Regel ein
bisschen missverständlich mit "genug Tuhung" übersetzt. Diese Lehre geht auf den Erzbischof Anselm
von Kenterbury im 11. Jahrhundert zurück. Es war ein für damalige Zeit sehr moderner Zugang.
Anselm lehnte die Vorstellung ab, dass in Jesus dem Teufel ein Lösegeld bezahlt werden musste.
Aus seiner Sicht war Gott dem Teufel überhaupt nichts schuldig. Viel mehr ging es darum,
dass der Mensch Gott etwas schuldig war. Der Begriff "Schuld" klingt aber summoralisch. Es
ging eher um eine Lücke. Der von Gott abgefallene Mensch blieb hinter seiner Bestimmung zurück,
weil er Gott nicht erte, verkümerte auch sein eigenes Leben. Jesus kam, um den Schöpfer
Gott erneut in seiner Ehremposition anzuerkennen. Es ging nicht um einen gekränkten Gott,
der durch ein Menschenopfer gnädig gestimmt werden sollte. Vielmehr brauchte es jemanden,
der die Mangelhaftigkeit der syndigen Menschen gewissermaßen mit göttlicher Substanz auffüllte.
Der Zielpunkt war nicht Bestrafung, sondern wieder Herstellung einer gebrochenen Beziehung.
Mit dieser Vorstellung befinden wir uns im Scham Annahme-Muster. Der Hintergrund ist
eine voldale Gesellschaftsordnung. Alles bekommt dadurch Würde und erlebt Erfüllung,
indem es sich an dem ihm zugewiesenen Platz befindet. Drittens die Lehre von der Strafübernahme.
Von der Reformation wurde die Satisfaktionsleere aufgenommen und umgewandelt. Die Betonung lag nun
auf dem Schuldigen Menschen. Ohne Bestrafung darf der gerechte Gott Sünder nicht freisprechen.
Deswegen kam Jesus, in ihm übernahm Gott selbst, stellvertretend die Todesstrafe. Damit ist
Gott zugleich voller Liebe als auch unbestechlich gerecht. Mit dieser Deutung befinden wir uns im
Schuldvergebung Muster. Es wird üblicherweise als das biblische Muster verstanden. Aufhrlich ist aber,
dass es besonders in individualisierten Gesellschaftsformen starke Verbreitung gefunden hat.
Wo stehen wir heute? Im 20. Jahrhundert hat
viele um- und neu-deutungsversuche des Kreuzes gegeben. Häufig ging es darum, sich von einem
blutigen Opferritoral und einem toteszentrierten Denken zu distanzieren. Vielfach wurde die Solidarität
Gottes mit den Leidenden betont. Jesus also nicht als Sacrifice, sondern als Victim. In all diesen
wird deutlich, die Lehre von der Strafübername ist schwer zu vermitteln. Sie wird besonders in einem
breiten Spektrum von evangelikalen Gemeinden vertreten. Die Lehre vom Loskauf ist insbesondere bei
den Zeugen Jehovas anzutreffen. Manchmal findet man sie auch in karrismatischen Miljös, wenn
betont wird, dass Christus einen hohen Preis bezahlt hat. Bleibt noch die Satz-Faktionsleere.
Offiziell ist die so etwas wieder Theologische Booman. Keiner will mit einer Theorie der
göttlichen Genugtuung in Verbindung gebracht werden. Dass dieses ein Missverständnis ist,
habe ich schon erwähnt. Wenn es also stimmt, dass Anselm in einem Kontext von Scham und Annahme
oder Markel und Würde gedacht hat. Und wenn es zweitens stimmt, dass sich unsere heutige Postmodernen
Netzwerkkultur in Richtung dieses Dreiermustas bewegt, dann müsste uns das doch hell übrig machen.
Offenbar verstehen wir immer weniger unsere kulturellen Verschiebung mit ihren inneren Kudierungen.
Die Betonung des reformatorischen Strafvertretungsmustas als angeblich einzig biblisch, löst immer
weniger Resonanz aus. Menschen werden als schuldige Täter angesprochen, die Vergebung brauchen.
Was aber, wenn viele unserer Zeit genossen weniger von Schuld gefühlen, sondern eher von
Schamgefühlen betrückt werden? Was, wenn sie sich als endwürdigte Opfer fühlen?
Mir scheint es lohnen, mit den Augen einer Schamkultur ganz neu die biblischen Texte zu
lesen und für uns und für andere aufzuschlüsseln. So weit erst mal, wir hören uns bei der
nächsten Episode. Bis dann.
Copyright WDR 2020
Podcast Summary
Key Points:
Der Tod Jesu wurde nicht als Opfer für einen sauernden Gott verstanden, sondern als Ausdruck göttlicher Liebe und Zuneigung zu einer verlorenen Welt.
Die ersten Christen deuten den Tod Jesu im Kontext des Alten Testaments, insbesondere des Passahs und der Sündenburg, als Stellvertretung für andere.
Paulus betont, dass die Welt durch Jesus versöhnt wird, nicht weil Gott beleidigt wurde, sondern weil die Menschheit durch ihn wieder in Beziehung zu Gott gerückt wird.
Der Tod Jesu ist nicht nur ein „Ende“, sondern ein Moment der Vollendung, der „es ist vollbracht“ und eine einmalige, endgültige Lösung bedeutet.
Historisch entstanden drei Hauptschulungen
Heute wird zunehmend auf eine kollektive Solidarität Gottes mit den Leidenden hingewiesen, sodass Jesus als „Opfer“ anstatt als „Opfer für Gott“ verstanden wird.
Die Satisfaktionslehre von Anselm wird heute als Antwort auf Scham und Unwürdigkeit verstanden, nicht als Gottesrachsucht.
In der heutigen Gesellschaft zeigen sich Veränderungen in der Deutung des Kreuzes, die auf Scham, Würde und soziale Empathie abzielen.
Summary:
Der Tod Jesu wird in der christlichen Tradition vielfach unterschiedlich interpretiert. Im alten Testament wurde menschliches Opfer für Gott abgelehnt, daher wird das Kreuz nicht als Opfer für einen beleidigten Gott verstanden, sondern als Ausdruck göttlicher Liebe und Hingabe. Die ersten Christen, vor allem Juden, deuten den Tod Jesu im Rahmen des alten Gottesdienstes, wie des Passahs, als Stellvertretung für die Sünden der Menschheit.
Paulus betont, dass Gott in Christus die Welt versöhnt und die Sünden nicht rechnet. Der Tod Jesu ist ein Moment der Vollendung, nicht nur eines Endes. Historisch entstand die Lehre vom Loskauf, die die Kirche als Sieg über Sünde und Tod verstand; die Satisfaktionslehre von Anselm, die auf Scham und Wiederherstellung der Beziehung abzielt; und die Reformatorische Lehre der Strafverteilung, die das Schuldproblem des Menschen betont.
Heute wird zunehmend betont, dass Jesus als Opfer der Menschheit verstanden wird, nicht als Opfer für Gott. In einer zunehmend postmodernen Gesellschaft, geprägt von Schamgefühlen und sozialer Würde, werden die biblischen Texte neu gelesen – nicht nur aus einem dogmatischen, sondern aus einem menschlichen, empathischen Blickwinkel. Die traditionelle Deutung als einzig „richtig“ wird zunehmend hinterfragt, um eine verantwortungsvolle, menschliche Nähe zum Glauben zu schaffen.
FAQs
Der Tod von Jesus wird nicht als Opfer für einen gerechten Gott verstanden, sondern als Ausdruck Gottes' Liebe und Zuwendung zur verlorenen Welt. Er zeigt, dass Gott durch die Hingabe von Jesus eine Beziehung mit den Menschen wiederaufbaut.
Nach der biblischen Deutung war Jesus kein Opfer für Gott, sondern ein Opfer von Menschen, das durch die Beziehung zwischen Mensch und Gott interpretiert wird. Sein Tod wird als Zeichen von Liebe und Fürsorge verstanden.
Im Alten Testament werden menschliche Opfer für Gott abgelehnt. Das Neue Testament betont, dass die Gerechtigkeit und die Liebe Gottes nicht durch menschliche Opfer erreicht werden, sondern durch das Leben und Tod von Jesus.
Die Lehre vom Loskauf sieht darin eine Erlösung durch die Hingabe Jesu als Lösegeld für die Menschen. Sie betont, dass durch den Tod Christus die Menschen aus der Macht des Bösen erlöst wurden.
Die Satisfaktionslehre betrachtet den Tod Jesu als notwendige Wiederherstellung der Beziehung zwischen Gott und Mensch, nicht als Strafe für Gott. Sie geht auf Anselm von Canterbury zurück und betont die Scham des Menschen gegenüber der göttlichen Gerechtigkeit.
Hier wird der Tod Jesu als Strafe für die Sünden der Menschheit verstanden, die von Gott selbst übernommen wird. Diese Deutung zeigt Gott als gerecht und liebend, da er die Strafe für die Menschen trägt.
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